Milch deutlich teurer - Bauern profitieren kaum

Kassel. Dass Milch, Speisequark oder Sahne jetzt im Handel deutlich teurer werden, nennen Bauern überfällig und bitter nötig. Verbraucher, sofern sie überhaupt Milchpreise im Kopf haben, schlucken beim Einkauf allerdings:

Aldi Nord und Aldi Süd haben die frische Vollmilch um bis zu 19 Cent auf 65 Cent pro Liter hochgesetzt (+ 41 Prozent), fettarme Frischmilch wurde um 18 auf 60 Cent je Liter angehoben (+ 43 Prozent). Käse und Butter waren in den vergangenen Monaten bereits teurer geworden. An dem, was Aldi vorlegt, orientiert sich der restliche Lebensmittelhandel. Fragen und Antworten:

Was treibt Aldi, 40 Prozent mehr am Milchregal zu verlangen?

Zum 1. November greifen neue Halbjahresverträge, mit denen Molkereien und Handelkonzerne sich regelmäßig auf Liefermengen und -preise einigen. 13 bis 15 Cent mehr pro Liter Milch haben Molkereien nach Angaben von Insidern herausschlagen können. Der Aufschlag ist vergleichsweise groß, heißt es aus der Branche, weil er aus einem historisch tiefen Tal kommt. Und: Dieser Aufschlag oder ein bisschen mehr wird am Kühlregal nun an die Kunden weitergegeben.

Trotzdem: Warum derartige Sprünge? Vor gut einem Jahr – auch damals war schon Krise – hat Aldi seinen Milchpreis um vier Cent angehoben, nun um 19 Cent.

Was manche Milcherzeuger als schlimmste Krise seit dem Krieg werten, hat aus Sicht von Experten nach langer Abwärtsspirale einen Kipppunkt erreicht. Nach Phasen des Überangebots an Märkten weltweit seien Mengen so zurückgegangen, dass Molkereien im jüngsten Preispoker mit dem Handel deutlich punkten konnten.

Heißt das: plötzlich Milchmangel?

So extrem auch wieder nicht. Aber Milchmengen schrumpfen offenbar doch so, dass der Handel nicht mehr am ganz langen Hebel sitzt. Zurück geht es, weil beispielsweise Höfe aufgeben, weil die Hilfsmillionen aus Berlin und Brüssel an Produktionsdisziplin gekoppelt sind, weil Kühe trockengestellt oder geschlachtet werden.

Wie verlässlich ist dieser Preisumschwung?

Als Prognoseinstrument gilt in der Branche der Kieler Börsenmilchwert. Diesen Index errechnet das Institut für Ernährungswirtschaft Kiel täglich aus Kontrakten für Butter und Magermilchpulver, die an der Leipziger European Energy Exchange (EEX) gehandelt werden. Die Prognose sah gestern bis mindestens Mai 2017 steigende Preise.

Hört sich doch auch für die Milchbauern gar nicht schlecht an, oder?

Besser als trübe Nachrichten zurückliegender Monate ganz sicher. Aber: Mit höheren Preisen im Handel ist die Krise der Bauern noch nicht ausgestanden. Laut Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) kommen Preiserhöhungen zum 1. November frühestens im Dezember auf den Konten der Bauern an. Außerdem hätten sich Erzeuger, die nicht gleich das Handtuch geworfen haben, massiv verschuldet, um durchhalten zu können. Es werde deshalb lange dauern, die Folgen der Krise zu bewältigen, mahnt der Verband.

Mit wieviel mehr können Landwirte denn rechnen?

Die sitzen bei den Preisverhandlungen zwischen Handel und Molkereien nicht mit am Tisch, müssen also nehmen, was von oben übrig bleibt. Ganz schnell mal die Molkerei wechseln, geht nicht. Beispiel Deutsches Milchkontor (DMK), Deutschlands größtes Molkereiunternehmen mit 8300 Milcherzeuger aus zehn Bundesländern: Dort wurde statt ganz magerer 20 Cent pro Kilo Milch, die’s noch im Sommer waren, gerade eben ein Auszahlungspreis von nun 30 Cent angekündigt. Konkurrenten sollen bei 35 oder 38 Cent liegen.

Ist das viel oder noch zu wenig?

Um seine Kosten zu decken, gar Rücklagen zu bilden, braucht ein Betrieb 40 bis 50 Cent, heißt es vom BDM. Bleibt ein Ratschlag von Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU). Er mahnte die Branche, die Marktstrukturen so zu ändern, dass das Risiko künftig nicht allein bei den Milchbauern liege.

Rubriklistenbild: © dpa

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