Streik artet aus

Müllberge: Bürger setzen Jerez in Flammen

Aus Protest gegen das Müllchaos setzten Bürger Abfallberge und Container in Brand.

Jerez - Jerez de la Frontera gilt als ein Inbegriff der Krise in Spanien. Die Sherry-Metropole steht am Rande des Bankrotts. Ein Streik der Müllabfuhr löst eine flammende Protestwelle aus.

Nach einem dreiwöchigen Streik der Müllabfuhr türmen sich Berge von Abfällen in Jerez de la Frontera. Ein beißender Gestank durchzieht die Straßen der südspanischen Stadt. Nun stinkt es auch den Bewohnern. Aus Protest gegen das Müllchaos setzten Bürger Abfallberge und Container in Brand. In den vergangenen Nächten loderten in mehreren Stadtteilen Dutzende Feuer. Die Löschmannschaften, die die Brände bekämpfen wollten, wurden mit Steinen und Flaschen beworfen. Daraufhin rückte die Feuerwehr in besonders brenzligen Stadtteilen nur noch mit Polizeischutz aus.

Müllberge wohin man nur schaut: Den Anwohnern stinkts gewaltig.

„Ist das ein Krieg oder ein Streik?“, fragte die staatliche Nachrichtenagentur Efe angesichts der flammenden Proteste. Die Sherry-Metropole ist von der Wirtschafts- und Finanzkrise in Spanien stärker betroffen als die meisten anderen Städte des Landes. Mit einem Schuldenberg von rund einer Milliarde Euro steht die Stadtverwaltung am Rande des Bankrotts. Die Stadt mit ihren 210.000 Einwohnern gilt als ein Symbol des Niedergangs im Euro-Krisenland Spanien. Die Arbeitslosenquote liegt bei 35 Prozent, die Angestellten im öffentlichen Dienst erhalten ihre Gehaltszahlungen häufig erst mit mehrmonatiger Verspätung - wenn überhaupt. Vor den Beschäftigten der Müllabfuhr hatten die Reinigungskräfte an den Schulen gestreikt. Für 7000 Schulkinder fiel der Unterricht aus, weil die Klassenräume zu verdreckt waren.

Die Feuerwehrleute leisteten aus Protest gegen ausbleibende Gehaltszahlungen nur Dienst nach Vorschrift. Sie rückten nur in Notfällen aus und verzichteten auf Fortbildungskurse und die Wartung von Fahrzeugen und Löschgeräten. Ein Beamter der lokalen Polizei berichtete der Zeitung „El País“: „In diesem Sommer konnten wir keine Patrouille-Fahrten unternehmen, weil das Benzin fehlte. Auch für Papier ist kein Geld da, so dass wir die übrig gebliebenen Zettel der vorigen Wahl nehmen müssen.“

Dabei blickt Jerez auf eine glorreiche Vergangenheit zurück. Die Herstellung von Wein, Sherry und Brandy leitete im 19. Jahrhundert die industrielle Revolution ein und verhalf der Stadt zu einem gewissen Wohlstand. Die Sherry-Produktion ist heute im Vergleich zu den vergangenen Jahrzehnten auf ein Viertel zurückgegangen. Während des Baubooms in Spanien legte Jerez sich teure Bauten wie ein Leichtathletikstadion oder eine Auto- und Motorrad-Rennstrecke zu. Nach dem Platzen der Immobilienblase erwiesen sich diese Projekte als überdimensioniert.

„Jerez ist keine gescheiterte Stadt, es haben nur die bisherigen Stadtregierungen versagt“, meinte die Bürgermeisterin María José García-Pelayo in einem Interview mit „El País“. Um Geld zu sparen, ließ sie die Ausgaben für die Müllabfuhr für 2013 um 20 Prozent kürzen. Die Betreiberfirma kündigte daraufhin Lohnsenkungen und die Entlassung von fast einem Drittel der Beschäftigten an. Dies löste den jüngsten Streik aus.

Die konservative Bürgermeisterin will erreichen, dass die stinkenden Müllberge als eine Gefahr für die Gesundheit eingestuft werden. Ein solcher Alarm würde es ihr erlauben, zu Notmaßnahmen zu greifen und die Abfälle abtransportieren zu lassen. Aber die - von den Sozialisten regierte - Region Andalusien weigert sich, einen Gesundheitsalarm auszulösen. Ein Beamter der Gesundheitsbehörde meinte: „Ich bestreite nicht, dass es übel stinkt. Aber der Gestank bedeutet derzeit keine Gefahr für die Gesundheit. Es gibt auch Ratten, aber die gibt es immer in den Städten.“

dpa

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