Interview mit dem Soziologen Meinhard Miegel, der trotz sinkender Renten zu Gelassenheit rät

„Müssen die Suppe auslöffeln“

Prof. Miegel, wie definieren Sie den Begriff Wohlstand?

     Meinhard Miegel: Wohlstand hat viele Facetten. Dazu gehören Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf. Aber Wohlstand ist auch gesund zu sein, eine liebevolle Familie und gute Freunde zu haben, sich an der Natur und Kunst erfreuen zu können und eine interessante Arbeit zu haben.

Geld, schöne Schuhe oder das schnelle Auto zählen nicht dazu?

Miegel: Mit der Mehrung materieller Güter nimmt meist auch die Zufriedenheit zu. Aber irgendwann ist Schluss. Die andauernde Jagd nach Materiellem kann Menschen sogar sehr unzufrieden werden lassen.

Von diesem Punkt ist der Großteil der Bevölkerung aber weit entfernt.

   Miegel: Sehen wir es einmal so: Die Ärmsten unter uns, die Hartz IV- und Sozialgeldempfänger, haben heute die gleiche Kaufkraft, die 1965 ein durchschnittlicher Arbeitnehmer hatte. Unsere Urgroßeltern zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfügten im Durchschnitt sogar nur über eine Zehntel der heutigen Gütermenge.

Wird dieses Wachstum anhalten?

Miegel: Nein. Das Wachstum der zurückliegenden Jahrzehnte wurde in erheblichem Umfang durch Schulden angeschoben. Hinzu kommt ein enormer Ressourcenverbrauch bei gleichzeitiger Belastung der Umwelt. Eine solche Wachstumsstrategie lässt sich nicht aufrechterhalten. Sie hat sich erschöpft.

Was bedeutet das konkret für unser Leben?

Miegel: Wir werden weniger materielle Güter haben, selbst wenn wir uns anstrengen. Um trotzdem glücklich und zufrieden zu sein, werden wir lernen müssen, Immaterielles wieder höher zu schätzen.

Arbeitnehmer müssen sich auf materielle Altersarmut einstellen?

     Miegel: Was heißt Armut? Sie werden immer noch ein Mehrfaches früherer Generationen haben. Doch ein überdurchschnittlicher materieller Lebensstandard wird sich im Rahmen der gesetzlichen Sicherungssysteme nicht aufrechterhalten lassen. Verlass ist nur auf eine auskömmliche Grundsicherung.

Egal wie viel der Einzelne in die Rentenkasse eingezahlt er, liegt nur knapp über dem Existenzminimum?

Miegel: Während einer Übergangszeit erhalten die Menschen eine Altersversorgung die ihrer vorher erbrachten Leistung entspricht. Wenn dann die Grundsicherung für alle eingeführt worden ist, gibt es solche individuellen Vorleistungen nicht mehr.

Gerecht klingt das nicht.

    Miegel: Ich finde schon. Im Übrigen kommen wir nicht umhin, die Suppe auszulöffeln, die wir uns in Jahrzehnten eingebrockt haben: weniger Kinder, materieller Wohlstand auf Pump, zunehmende Rohstoff-, Nahrungsmittel- und Wasserknappheit.

Sie sehen der düsteren Zukunft gelassen entgegen?

     Miegel: Das ist doch keine düstere Zukunft. Als die Deutschen im Jahr 1960 etwa 40 Prozent der heutigen Gütermenge erwirtschafteten, erklärte Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, sie sollten sich jetzt anderen Dingen als dem weiteren Wachstum der Wirtschaft zuwenden. Denn das Erreichte sei genug.

Damals ist man mit dem kleinen VW-Käfer nur in den bayrischen Wald in Urlaub gefahren und alle waren interessanterweise zufrieden. Und den Lebensstandard, den sie damals hatten, können wir problemlos noch lange Zeit überbieten.

Von Sonja Broy

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