Mit der Leidenschaft fürs Auto

Nachruf: Ex-VW-Chef Ferdinand Piëch war ein Jahrhundert-Manager

+
Mit Landesmedaille geehrt vom damaligen Ministerpräsident von Niedersachsen, Gerhard Schröder (SPD). 

Für die einen war er ein Machtmensch. Für andere das „Burli“. Ferdinand Piëch (82), der über Jahre an der Spitze des Volkswagen-Konzerns stand, starb am Sonntag nach einem Kollaps.

Viele Jahre war Volkswagen ohne Ferdinand Piëch nur schwer vorstellbar, über zwei Jahrzehnte beherrschte der gebürtige Österreicher den Wolfsburger Konzern. Sein autoritärer Führungsstil war gefürchtet: „Mein Harmoniebedürfnis ist begrenzt“, schrieb er 2003 in seiner Autobiografie.

Doch auch Piëch dürfte kaum damit gerechnet haben, den Machtkampf 2015 mit seinem langjährigen Vertrauten, dem damaligen Chef Martin Winterkorn, zu verlieren. Mithilfe einer Allianz aus dem Land Niedersachsen und dem Betriebsrat setzt sich der Jüngere durch – es ist das Jahr, als der Dieselskandal seinen Lauf nimmt.

Piëch hat sich selbst entmachtet. Vorausgegangen ist dieser Auseinandersetzung im April sein schon legendärer Satz: „Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“. Damit will er die Amtsenthebung von Winterkorn auf den Weg bringen. Im September muss Winterkorn seinen Posten als Vorstandschef räumen – der Dieselskandal fliegt ihm um die Ohren.

Volkswagen und Piëch galten lang als Einheit

Piëch wird am 17. April 1937 in Wien geboren. Nach dem Bruch mit Winterkorn zieht er sich auf seine Residenz in Salzburg zurück. Zunächst behält er noch das Aufsichtsratsmandat beim VW-Haupteigner Porsche SE. Die Familien Porsche und Piëch halten 100 Prozent der Stimmrechte an der Firma. 14,7 Prozent davon gehörten zu dem Zeitpunkt ihm. Zwei Jahre später verkauft er seinen Anteil an Verwandte. 

Seitdem ist es still geworden um den Ingenieur. Volkswagen und Piëch – lange galt dies als eine Einheit. Dabei hat ihm seine erste Fahrt am Steuer nur Ärger eingebracht: Mit neun Jahren bleibt er mit der Stoßstange an der Garagentür hängen. Doch der „Burli“, so heißt der Junge im Familienclan, hat es allen gezeigt: der Legastheniker, den sein Lehrer für „zu dumm“ zum Studieren hält, formt aus Volkswagen einen Weltkonzern.

Mutter Luise, Tochter des Käfer-Konstrukteurs Porsche, lässt zu ihrer Rechten nur dasjenige ihrer vier Kinder sitzen, das außergewöhnliche Leistungen erbracht hat. Für Burli, den Drittgeborenen, ist da kaum Platz. Nach dem Tod des Vaters und einem „Ungenügend“ in Englisch schickt sie ihn ins Schweizer Internat Lyceum Alpinum Zuoz im Engadin. Eine „finstere Zeit der Erziehung“ habe er erlebt, schreibt er in seinem Buch „Auto.Biographie“. Er habe erkannt, dass vieles „nur im Alleingang möglich ist, weil man sich nicht verlassen kann.“

VW-Imperium mit strenger Hand gelenkt

Piëch studiert Maschinenbau an der ETH Zürich, macht 1962 seinen Diplom-Ingenieur mit einer Arbeit über Formel-1-Motoren. Er steigt bei Porsche ein, entwirft den 917er. Doch den Posten als Porsche-Chef verwehrt die Familie dem Nicht-Namensträger. „Ich bin ein Wildschwein, ihr seid die Hausschweine“, soll er, so wird es kolportiert, im Streit mit den Porsches gesagt haben. Gemeint ist: Ich bin Selbstversorger, ihr lasst euch versorgen.

Piëch, der Stratege, lenkt das VW-Imperium mit strenger Hand – hierarchisch, zentralistisch. Mit Nachdruck verfolgt er visionäre Ideen etwa im Leichtbau. Ende der 1990-er Jahre besucht Piëch das VW-Werk Kassel in Baunatal. Gießerei-Leiter ist Hans-Helmut Becker (70), der spätere Werkleiter (2006 – 2014). Piëch setzt auf Magnesium, Aluminium. Die Werkstoffe sollen Autos leichter und damit verbrauchsärmer machen. Ingenieur Becker, der vom Ingenieur Piëch beeindruckt ist, soll Felgen aus den Materialien gießen. Doch er wagt es, Piëch zu widersprechen – und „bekommt eine Standpauke sondergleichen“, erinnert er sich. Letztlich fügt sich Becker. Die Felgen scheitern an der Festigkeit des Materials.

Besuch im VW-Werk Kassel (v.l): Hans-Helmuth Becker, hinten Rüdiger Weissner und Ferdinand Piëch. 

Piëch steht für viele Jahre im Machtzentrum des Autokonzerns. Der frühere Audi-Chef ist von 1993 bis 2002 Vorstandsvorsitzender von Volkswagen und führt danach viele Jahre den Aufsichtsrat – als maßgeblicher Vertreter der Familien Porsche und Piëch.

Seine Macht scheint unbegrenzt, 2012 hievt er seine Frau Ursula in den VW-Aufsichtsrat. An der Entscheidung, dass der frühere Vorstandschef Bernd Pischetsrieder gehen muss, soll er nicht unbeteiligt gewesen sein. Piëch hinterlässt 13 Kinder und über doppelt so viele Enkelkinder aus vier Beziehungen. Davon sind drei Kinder aus der 1984 geschlossenen Ehe mit Ursula Piëch. Er ist aber nicht nur Manager – der Technikversessene kann einen Motor auch zusammenschrauben. Privat ist er gern gesegelt, hat sich mit fernöstlicher Kultur und japanischer Ethik beschäftigt.

Die Frau an seiner Seite: Ursula Piëch.

Nach der Ära Piëch–Winterkorn bleibt bei VW kaum ein Stein auf dem anderen. Ein Kulturwandel wird von Winterkorns Nachfolger Matthias Müller ausgerufen: Weniger Zentralismus, mehr Verantwortung für die einzelnen Manager, mehr interne Kritik sind die Ziele. Mitarbeiter sollen nicht mehr zittern vor einem Patriarchen wie Piëch, der in Wolfsburg auch „der Alte“ genannt wurde – oder von einem Aktionär auch mal „Göttervater“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.