Unternehmer starten Pilotprojekt mit anonymen Bewerbungen

Name tut hier nichts zur Sache

kassel/Göttingen. Manche Bewerbungen scheitern schon in Sekunden. Ein Blick auf Namen, Geschlecht oder Alter des Absenders genügt, und die Mappe landet in der Ablage. Die Qualifikation interessiert niemanden mehr.

Das soll sich nach dem Willen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes ändern. In einem Probelauf werden ab heute so genannte anonymisierte Bewerbungssverfahren getestet, die weder Foto, Namen, Adresse, Alter, Geschlecht und Familienstand enthalten.

Der Personalbearbeiter, der über eine Einladung zu Vorstellungsgesprächen entscheidet, bekommt nur Informationen zu schulischen und beruflichen Qualifikationen. Ein anderer Mitarbeiter entnimmt den Unterlagen zuvor alle Informationen, die Rückschlüsse auf Herkunft und sozialen Status zulassen. Oder aber die Bewerbungen laufen über ein standardisiertes Online-Verfahren, das entsprechende Informationen für den Vorentscheider ausblendet. Auf diese Weise soll vermieden werden, dass Bewerber wegen ihrer sozialen und ethnischen Herkunft, wegen des Alters oder Familienstandes von vornherein aussortiert werden.

Die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, verweist in diesem Zusammenhang auf eine Studie, nach der die Chancen von Bewerbern mit türkischem Namen etwa auf ein Bewerbungsgespräch um ein Viertel niedriger lägen als von Bewerbern mit deutschem Namen. Getestet wird das neue Verfahren jetzt unter anderem bei der Deutschen Post, der Deutschen Telekom, beim Kosmetik-Konzern L´Oréal und beim Konsumgüter-Produzenten Procter & Gamble.

Keine deutsche Idee

Das anonymisierte Auswahlverfahren ist aber nicht neu. In den USA ist es seit Jahrzehnten im Einsatz. In Frankreich läuft seit Ende 2009 ein Pilotprojekt. Dort haben Studien belegt, dass Bewerber nordafrikanischer Abstammung fünfmal so schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wie die Gesamtbevölkerung. In der Schweiz startete 2007 ein Pilotprojekt in 20 Ausbildungsberufen im Kanton Zürich. Abschließende Ergebnisse aus diesen Ländern liegen noch nicht vor.

In Deutschland indes trifft der Vorstoß nicht nur auf Gegenliebe. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt befürchtet weitere Bürokratie in den Betrieben, und der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) bezweifelt, dass das anonymisierte Verfahren die Chancen benachteiligter Gruppen wirklich erhöht.

Andere Wirtschaftsverbände bemängeln, dass Alter und Geschlecht der Bewerber in vielen Bereichen von entscheidender Bedeutung und somit unverzichtbar seien. Und in einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftsjunioren Deutschland sagten drei Viertel der befragten Mitglieder, das neue Verfahren sei nicht notwendig und nicht praktikabel. Foto: dpa

Von José Pinto

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