General Motors verkündete schon das Aus für seine schwedische Tochter – jetzt wird noch einmal verhandelt

Nervenkrieg um Kultmarke Saab

Trollhättan. Für den schwedischen Autobauer Saab geht es in den letzten Tagen des Jahres um alles oder nichts. Am Freitag verkündete die amerikanische Muttergesellschaft General Motors mit knappen Worten das Aus: Der Verkauf an den holländischen Sportwagenhersteller Spyker Cars fände nicht statt. Saab werde geordnet abgewickelt. Die 3400 Mitarbeiter sollten ab Januar den Laufpass bekommen.

Am Wochenende legten die Niederländer eilig nach: Man sei bereit, alle Hindernisse für eine rasche Übernahme aus dem Weg zu räumen, versicherte Spyker-Chef Victor Mullen. Und offenbar interessieren sich in letzter Minute noch andere Investoren für den schwedischen Winzling, der im laufenden Jahr weniger als 50 000 Autos verkaufte und damit 65 Prozent seines Absatzes einbüßte. „Wir haben eine Reihe von Angeboten bekommen, die wir jetzt prüfen“, sagte ein Sprecher der Saab-Mutter General Motors in Rüsselsheim. Wie lange das dauern werde, sei unklar.

Und dabei waren die Schwedenkisten einst Kult, das Lieblingsblech der Intellektuellen und der Kreativen. Mit einem ungewöhnlichen Stil und einer Robustheit, die offenbar sogar der Begegnung mit einem Elch etwas entgegenzusetzen hatte.

Ebenfalls Legende sind allerdings die Zeiten, in denen die stylischen Schweden Gewinn einfuhren – 1996 war das letzte Jahr der schwarzen Zahlen, 2008 fiel ein Verlust von 272 Millionen Euro an. Insgesamt eine Milliarde Dollar brauche das Unternehmen, um seine Finanzen ins Positive zu kehren, sagte Saab-Chef Jan Ake Jonsson im März der „Autogazette“, eine halbe Mrd. Euro davon rasch.

Wohl deshalb will den Kult keiner haben. Im Februar, während General Motors ums Überleben kämpfte, beantragte Saab Gläubigerschutz, eine Art befristete Insolvenz, um Luft für die Sanierung zu gewinnen. Man demonstrierte trotzigen Egoismus. Doch die Hoffnungen zerschlugen sich. Die kleine, feine Sportwagen-Schmiede Koenigsegg, deren Superflitzer schon einmal eine Million Euro kosten können, zog ihr Kaufangebot für Saab im November zurück.

Bei Saab begann die Filetierung: Die Produktionsanlagen für das Flaggschiff Saab 9-5 ziehen zum staatlichen chinesischen Autokonzern BAIC um. Außerdem gehen die Rechte an der Motor-und Getriebetechnik der beiden wichtigsten Modelle ebenfalls ins Reich der Mitte.

Was bleibt, sind im wesentlichen die Markenrechte, die Fabrik in Trollhättan, die rund 4000 Menschen Arbeit gibt sowie der fertig entwickelte, runderneuerte Saab 9-5, der im Frühling auf den Markt kommen soll.

Erst 1990 wurden bei Saab die Automobilsparte und der Flugzeugbau, mit dem die Unternehmensgeschichte begonnen hatte, getrennt. An der Saab Automobile AB waren GM und die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg zunächst je zur Hälfte beteiligt. Seit dem Jahr 2000 sitzen die Amerikaner bei Saab allein auf dem Fahrersitz.

Mit ihrem Versuch, aus dem Nischenfahrzeug ein massenmarkttaugliches Vehikel zu machen, hatten die Detroiter jedoch keine glückliche Hand. Saab verlor den Glanz des Besonderen. Und rollte langsam in Richtung Abgrund.

Von Barbara Will

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