Auf den Spuren jüdischer Vergangenheit

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Dr. Heinrich Nuhn: Der aus Niederaula stammende Pädagoge, Zeithistoriker und erster Vorsitzender des Jüdischen Museums hat sich der Erforschung der jüdischen Geschichte Rotenburgs verschrieben.

Wenn man sich mit der Geschichte der gut 750 Jahre alten Residenzstadt Rotenburg und insbesondere der ihrer jüdischen Bürger beschäftigt, stolpert man unwillkürlich über Dr. Heinrich Nuhn. Der einige Kilometer fuldaaufwärts im bald 1250 Jahre alten Niederaula geborene 76 Jahre junge Pädagoge und Zeithistoriker hat ihnen mehr als nur ein Denkmal gesetzt.

Überall in der Stadt fällt der Blick des Besuchers auf vom Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte Stolpersteine, mit denen an die zuletzt in der ehemaligen Kreisstadt lebenden Kinder Israels erinnert wird. Wo das war, wie es ihnen erging, wohin die, die sich retten konnten, geflüchtet sind, wo vielleicht noch Nachkommen leben – all das hat der viele Jahre an der Jakob-Grimm-Schule tätige Pädagoge in mühevoller Kleinarbeit erforscht. Er vor allem war es, der die Bausteine für die Stolpersteine erarbeitet hat und der – wenn man so will – darüber hinaus auch den Grundstein gelegt hat für eine Kostbarkeit, die ihresgleichen sucht. Es ist das Jüdische Museum im ehemaligen Rotenburger Ritualbad (Mikwe) in der Brauhausstraße, dessen Freilegung und Erforschung er maßgeblich betrieben hat, und das für ihn zu einem Herzensanliegen geworden ist. Nach Anmeldung bietet er das ganze Jahr über Führungen an, und wer je eine solche mitgemacht hat, der staunt, wie vielfältig sich jüdisches Leben an diesem Ort dokumentiert. Es sind nicht nur beeindruckende und in dieser Zusammenballung weit und breit einmalige Blicke auf ein Tauchbecken aus dem 17. Jahrhundert, auf ein direkt daneben angelegtes Badebassin aus dem Jahr 1835 mit blau-weiß gefliestem Bassin aus dem Jahr 1925 und einen hinter einer Wand aufgefundenen Schacht für die rituelle Reinigung von neuem Geschirr, die einen staunen lassen. Nein, es sind die Erklärungen von Nuhn, die faszinierenden Geschichten hinter den Exponaten, denn der vielfach und mit hohen Auszeichnungen Geehrte weiß von jeder Person, an die erinnert wird, und von jedem Gegenstand, der ausgestellt wird, etwas zu berichten.

Starkes Engagement

Wie der stets freundlich und mit funkelnden Augen durch schnörkellose Brillengläser blickende Oberstudienrat a. D., der mit seiner Frau Inge ein mit 2500 historischen Büchern vollgestopftes Haus mit schönem Blick auf Rotenburg bewohnt, der jahrelang mit einem Aktenkoffer in Urlaub gefahren ist, der erst spät über „Wahlen und Parteien im ehemaligen Landkreis Hersfeld“ promoviert hat, dazu gekommen ist, sich mit all dem zu beschäftigen? Es war der offensichtliche Widerspruch, der den akribisch und zielgerichtet an eine Sache Herangehenden, nach Wahrheit Suchenden, provoziert hat: Auf der einen Seite war man jahrelang davon ausgegangen, dass in Rotenburg bei den Ausschreitungen vor der sogenannten Reichspogromnacht ein jüdischer Junge von Jugendlichen mit Seifenpulver überschüttet worden ist – auf der anderen Seite wurde plötzlich behauptet, es habe sich nur um Mehl gehandelt und der ganze Vorfall sei aufgebauscht. „Diese Szene, dieser Widerspruch, war für mich Anlass, mich mit der örtlichen jüdischen Geschichte zu befassen!“, erläutert Nuhn sein Engagement. „Und natürlich auch die Tatsache, dass ich meine Schüler und mich, obwohl ich mich im wichtigsten Kapitel meiner Dissertation mit dem politischen Antisemitismus in der Region beschäftigt habe, nach einer 1988 von Schülern erarbeiteten Ausstellung nicht fundiert gegen Anfeindungen verteidigen konnte. Mir war klar, dass ich bei null anfangen musste, mir war aber auch klar, dass es einer tun muss, und dass ich es angesichts meines wissenschaftlichen Hintergrundes tun müsste.“

Erinnerung bewahren

Heiner, wie ihn Freunde und gute Bekannte nennen dürfen, tat es. Und wenn er nach jahrelanger Arbeit Besuchern des Jüdischen Museums die über 200 am Treppenaufgang aufgehängten Bilder ehemaliger jüdischer Bewohner Rotenburgs, mit denen er Namen ein Gesicht gegeben hat, zeigt – wenn er in der Dauerausstellung im Obergeschoss anhand von Dokumenten, die er ausgegraben hat, nachweist, dass der Rotenburger Siegfried Sommer in Kassel zusammen mit dem Prinzen und späteren Kaiser Wilhelm II. zur Schule gegangen ist und als einziger Mitschüler an dessen Geburtstagstafel gesessen hat, dass Albert Einstein den aus Rotenburg stammenden Chirurgen Moritz Katzenstein als seinen besten Freund bezeichnet hat – dann ist es für ihn die schönste Bestätigung, wenn ein Besucher beim Abschied sagt: „Ihr Museum ist zwar kleiner als das in Berlin, aber bei Ihnen bleibt etwas hängen!“ Nuhn ist auch stolz darauf, dass es inzwischen sehr viele Mitbürger gibt, die ihn unterstützen, die sich für das Museum einsetzen und die ihm von sich aus letzte, kostbare Erinnerungsstücke bringen. All das – und die von Brecht im Gedicht „Fragen eines lesenden Arbeiters“ reflektierte Einsicht, dass es nicht nur Herrschende, sondern auch Arbeiter und Benachteiligte sind, die Geschichte schreiben – treibt ihn an. Lässt ihn eine Dokumentation angehen, die das, was man im Museum vorfindet und das, was bis jetzt nur in seinem Kopf gespeichert ist, für die Nachwelt festhält. Wer ihn kennt, weiß, dass der rastlos durch die Geschichte Reisende – wenn ihm denn die Kraft dazu geschenkt wird – das nicht zuletzt mithilfe seiner Frau auch durchziehen wird.

Wilfried Apel

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