Begegnung ohne Vorurteile

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Intensive Begegnung zwischen Kind und Pferd: Beim Putzen und Hufeauskratzen lernen die Kinder ihr Pferd gut kennen - und Verantwortung zu übernehmen.

Der knallbunte Ring fliegt im weiten Bogen durch die Luft. Steven streckt sich aus dem Sattel, lacht und fängt den Reifen. Der junge Mann sitzt entspannt auf dem Rücken von Bowie, einem aufmerksamen Fuchswallach.

„Es ist immer wieder faszinierend zu beobachten, wie sich der Kontakt mit den Pferden auf die Kinder und Jugendlichen auswirkt“, sagt Susanne Woble. Sie hat vor 22 Jahren den Verein Ponydrome Kassel – Therapeutisches Reiten gegründet.

Steven gehört zu rund 80 Kindern und Jugendlichen, die einmal pro Woche zum Gut Waitzrodt bei Immenhausen kommen. Dort stehen die sieben Therapiepferde des Vereins, dazu noch einige, die dem Verein zur Verfügung gestellt werden. „Beim Therapeutischen Reiten geht es nicht ums Reitenlernen“, erklärt Susanne Woble. Im Vordergrund steht vielmehr Förderung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Beeinträchtigungen im sozial-emotionalen Bereich, mit Entwicklungsverzögerungen, psychischen Krankheiten oder Behinderungen. „Pferde haben keine Vorbehalte. Der Kontakt und die Arbeit mit dem Pferd stärken das Selbstwertgefühl der Betroffenen. Die Wahrnehmung für sich und andere wird besser, dadurch werden soziale Kompetenzen gefördert. Und sie sind entspannter“, sagt die Diplom-Pädagogin.

Der Junge und das Pferd

Ihr Schlüsselerlebnis hatte die Sonderpädagogin bei ihrer Arbeit in der Autismustherapie vor 25 Jahren. Damals betreute die passionierte Reiterin einen elfjährigen autistischen Jungen. „Es waren Ferien, und ich wollte die Therapiestunde mal anders gestalten. Also fuhren wir zu meinem Pflegepferd“, erinnert sich Susanne Woble. Der Junge, der sonst verschlossen und angespannt war und sich nie lang auf eine Sache konzentrieren konnte, widmete seine ganze Aufmerksamkeit dem Pferd. Er wurde lockerer, ging auf das Tier zu. „Ich dachte, Mensch, der traut sich was“, erinnert sie sich. Und: „Ich hatte das Gefühl, er spricht mit dem Pferd.“ Es war unübersehbar, dass dem Jungen der Umgang mit dem Tier guttat. „Diese Erfahrung möchte ich gern anderen Kindern ermöglichen“, dachte die Pädagogin damals.

Durch den Kontakt zur Kinder- und Jugendpsychiatrie in Kassel etablierte sie bald ein Angebot für Kinder in stationärer Behand

lung. Sie lernte eine Physiotherapeutin kennen, die Interesse an Hippotherapie hatte, also Krankengymnastik zu Pferd. Ein befreundeter Züchter stellte seine Reitponys zur Verfügung. Susanne Woble absolvierte eine Ausbildung zur Reittherapeutin.

Im Jahr 1992 wurde der Verein gegründet, seit 1993 mit Standort auf Gut Waitzrodt.

Mitstreiter

Heute kümmern sich zehn pädagogisch und therapeutisch ausgebildete Mitarbeiterinnen um Pferde und Menschen, die meisten ehrenamtlich. Jede Mitarbeiterin ist für ein Therapiepferd verantwortlich, dem wiederum bestimmte Kinder zugeordnet sind.

„Ohne das Engagement des Ponydrome-Teams sowie Helfer, Spender und Sponsoren wäre unsere Arbeit nicht möglich“, sagt sie. Therapieeinrichtungen, Schulen, Privatleute und Firmen nutzen die Angebote von Ponydrome.

Zu den Projekten zählt auch das Reiten für Familien mit autistischen Kindern. „Eltern und Geschwisterkinder entdecken dabei häufig erst mal, zu was das Kind fähig ist“, beschreibt sie.

Die Arbeit mit beeinträchtigten Kindern und Jugendlichen erfüllt sie mit großer Zufriedenheit. Die Kinder sollen ihren eigenen Rhythmus und ihr eigenes Tempo finden, es gibt keinen Erwartungsdruck. Das wird belohnt: „Oft kommen die Kids erschöpft aus der Schule und sind schlecht drauf. Wenn sie zwei Stunden später strahlend und mit leuchtenden Augen vom Pferd steigen, ist das wie ein Geschenk“, sagt Susanne Woble. ILONA POLK

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