„Fachkräftemangel wird dramatisiert“

Kaum ein wirtschaftspolitisches Thema wird derzeit so kontrovers diskutiert wie der Fachkräftemangel.

Der Politikwissenschaftler und Arbeitsmarkt-Experte Sven Rahner von der Universität Kassel erklärt im Interview, was es damit auf sich hat, wie die Lage in Nordhessen ist und gibt Tipps, wie Unternehmen dem Fachkräftemangel vorbeugen können.

Herr Rahner, das Thema Ihrer Doktorarbeit lautet: „Fachkräfte mobilisieren: Chancen für Zukunftspolitik in Deutschland“. Wie stehen denn die Chancen?

Sven Rahner: „Die bisherige Forschung zeigt, dass Politik, Sozialpartner und Unternehmen erhebliche Gestaltungsspielräume haben, um in Zukunft einen strukturellen Fachkräftemangel und eine weitere Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt zu verhindern. Die Chancen stehen insbesondere dann gut, wenn politische Strategien ressortübergreifend und sozialpartnerschaftlich entwickelt sowie umgesetzt werden.“

Welche Strategien könnten das sein?

Sven Rahner: Der Doktorand der Universität Kassel erforscht die Mobilisierung von Fachkräften in Deutschland. Foto: Frank Löhmer/nh

Rahner: „Neben einer früheren und kontinuierlichen Investition in Bildung und Qualifizierung im Lebensverlauf ist eine mit einer Langfristorientierung ausgestattete Kooperation der politischen und gesellschaftlichen Akteure entscheidend. Die Systematisierung der Fort- und Weiterbildung sowie deren gesetzliche Regelung sind längst überfällig. Verknüpft werden müssen diese bildungspolitischen Maßnahmen mit weiteren zuwanderungs- und arbeitsmarktpolitischen Strategien: So braucht es neben der vielbeschworenen Willkommenskultur gegenüber Zuwanderern eine ebensolche gegenüber Älteren in den Betrieben und Unternehmen – Vielfalt sorgt für Innovation.“

Wie bewerten Sie das derzeitige Verhältnis von Fachkräftenachfrage und -angebot?

Rahner: „Einige populäre Arbeitsmarktprognosen haben aufgrund geringer Komplexität und methodischer Schwächen wie der Annahme konstanter volkswirtschaftlicher Größen dazu geführt, dass in der öffentlichen Debatte bisweilen eine Dramatisierung der Fachkräftesituation stattgefunden hat. Als empirisch gut abgesichert kann hingegen ein branchenspezifisch und regional differenzierter Blickwinkel auf die Debatte gelten, wie ihn das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung vornimmt. Demnach sind Fachkräfteengpässe für spezielle Qualifikationen und einzelne Regionen zu verzeichnen. Von einem allgemeinen Fachkräftemangel kann jedoch noch nicht die Rede sein.“

Die Wirtschaftswoche kürte 2011 Kassel zur dynamischsten Stadt Deutschlands. Wie ist es aktuell um den Arbeitsmarkt in Kassel und der Region bestellt?

Rahner: „Laut der Folgestudie im Jahr 2012 konnte sich Kassel in der Spitzengruppe der dynamischsten Großstädte behaupten und die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze weiter steigern – von 2006 bis 2011 um 17,1 Prozent. Dies schlägt sich auch auf den weiterhin relativ niedrigen Stand der Arbeitslosigkeit nieder. Im Juni 2013 lag die Arbeitslosenquote bezogen auf alle zivilen Erwerbspersonen im Regierungsbezirk Kassel nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bei 5,6 Prozent. Allerdings zeigt die vergleichsweise niedrige Beschäftigungsquote der über 55-Jährigen, wo künftige Herausforderungen bei der Mobilisierung von Fachkräften in Kassel und Nordhessen liegen. Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld ist die Attraktivität für Zuwanderer und junge Talente. Während Kassel als attraktive Metropole punkten kann, sind ländliche Regionen Nordhessens stärker vom demografischen Wandel und der Abwanderung junger Erwerbstätiger betroffen.“

Was können Betriebe unternehmen, um einem Fachkräftemangel vorzubeugen?

Rahner: „Bildung, Qualifizierung und Weiterbildung sind das Gebot der Stunde. Im Kern liegt die personalpolitische Herausforderung aber auch darin, für mehr Flexibilität in den Arbeitszeiten der Beschäftigten zu sorgen, um dem Wandel der Arbeits- und Lebensbiografien besser gerecht zu werden. Beim Maschinenbauer Trumpf haben zum Beispiel die Unternehmensleitung in Kooperation mit dem Gesamtbetriebsrat und der IG Metall ein Modell zur lebensphasenorientierten Arbeitszeit vereinbart. Beschäftigte können zwischen 15 und 40 Stunden in der Woche arbeiten und bei Bedarf bis zu zwei Jahre aussetzen. Außerdem können sie bis zu 1000 Arbeitsstunden auf einem individuellen Familien- und Weiterbildungszeitkonto ansparen und diese für Auszeiten oder Arbeitszeitverkürzungen einsetzen.“

Das Interview führte Sebastian Schaffner

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