Standuhren gehörten einst in jedes gutbürgerliche Wohnzimmer - heute sind sie rar

Das nostalgische Ticken

Alte Schätze: Standuhren gehörten einst zur Ausstattung des besseren Wohnzimmers. Hier arbeitet der Uhrmachermeister Günther Haut an einer Ottsen-Standuhr aus dem 18. Jahrhundert. Foto: dpa

Die Standuhr stammte aus dem Haushalt meines Großvaters: Ein wuchtiges Ding aus fast schwarzer Eiche, knapp zwei Meter hoch mit Messingpendel. Ihr Westminsterschlag drang von unserer Erdgeschosswohnung bis in den zweiten Stock. Er wurde deshalb abgestellt und in der Folge gab die Uhr dafür jede Viertelstunde ein missbilligendes Schnarren von sich.

Mein Vater reparierte die Standuhr gern und mit Ehrgeiz. Einmal blieb nach dem Zusammenbau eine Schraube übrig, aber die Uhr tickte und schnarrte trotzdem unbeirrt weiter.

Ihre letzte Stunde schlug, als sie eines Tages beim Aufziehen, kopflastig mit den direkt unter dem schweren Uhrwerk hängenden Gewichten, über meine Mutter kippte. Beide gingen zu Boden, und Mutter steckte angstvolle Minuten in dem hölzernen Uhrkasten fest, bevor es ihr gelang, sich herauszuwinden. Noch am selben Tag rief sie einen Antiquitätenhändler an und verkaufte die Uhr.

Bis ins Jahr 1600 reicht die Geschichte der Standuhren zurück. Galileo Galilei hatte 1581 beschrieben, dass die Schwingungszeit eines Pendels nur von dessen Länge abhängt. Die erste Standuhr baute jedoch nicht er, sondern der holländische Wissenschaftler Christiaan Huygens 1658. Pendeluhren, also auch Standuhren, waren für die damalige Zeit sehr genau. Die Zeitabweichung betrug mitunter nur zehn Sekunden pro Tag.

Doch die Standuhr war fürs Kühle. Denn mit der Temperatur änderte sich auch die Länge des Pendels. In der Wärme ging die Uhr nach. Die britischen Uhrmacher George Graham und John Harrison lösten dieses Problem mit Pendeln, die diese Temperaturunterschiede ausglichen und gaben damit der Entwicklung der Standuhren einen Schub.

Von Ende des 18. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatten die Standuhren ihre große Zeit, sagt Eva Renz vom deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen. Aus der Stadt im Schwarzwald kamen um 1900 zwei Drittel aller Stand- und Wanduhren. Schwarzwälder Hersteller unterhielten sogar Fabriken in Hongkong und belieferten von dort aus die Märkte der Kolonien. Uhren aus dem Schwarzwald waren die Gebrauchsuhren fürs Volk, sie wurden angeschafft wie ein gutes Möbelstück. Sogar in den Puppenstuben der damaligen Zeit gehörten sie zur Ausstattung.

Nach dem zweiten Weltkrieg reisten die Standuhren in die Vereinigten Staaten – die „grandfather’s clock“ war bei den in Deutschland stationierten US-Soldaten ein beliebtes Souvenir. Mit ihrem Abzug brach der Markt ein.

Heute gibt es in Deutschland nur noch wenige Hersteller von Großuhren. Und die Standuhr geht mit der Zeit, zeigt sich nicht mehr nur klassisch in Erle und Nussbaum, sondern auch modern mit Aluminium-Zifferblatt und Pendelstab aus Carbon. Billig ist das nicht – gut einen Tausender kostet das nostalgische Ticken mindestens.

Von Barbara Will

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