Familienunternehmen Bärenreiter-Verlag gibt mittlerweile über 8000 Werke heraus

Für die Notenpulte der Welt

Verlegerin Barbara Scheuch-Vötterle in der Bibliothek des Bärenreiter-Verlags mit der übergroßen Ur- Ausgabe eines Werkes von Matthias Pintscher, das zurzeit in Paris aufgeführt wird. Foto: Herzog

Kassel. Wenn Barbara Scheuch-Vötterle über das Unternehmen Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG spricht, dann spricht sie über die Verdienste ihres Vaters Karl Vötterle, vom Gespür ihres Mannes Leonhard Scheuch für Musik, vom Lektorat –„dem Herzstück des Verlags“ – und von 140 Mitarbeitern, die in Basel, London, New York, Prag und Kassel arbeiten. Sie alle seien am Erfolg beteiligt.

Das Familienunternehmen, das Kassel auf die Notenpulte der Welt bringt, ist nach Schott der zweitgrößte Musikverlag Deutschlands. Scheuch-Vötterle führt ihn gemeinsam mit ihrem Mann. Clemens, der jüngere der beiden Söhne, leitet den Vertrieb. 15 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet die Gesellschaft jährlich – „eine nahezu konstante Größe“, sagt sie. Das Geschäft macht der Verlag zu 48 Prozent im Inland, der Rest kommt aus dem Ausland.

Wasserzeichen datieren Bach

Während die Frau mit den lachenden Augen die Geschäftszahlen nüchtern aneinanderreiht, verraten ihre Augen, dass die Welt der Zahlen nur die eine Seite ihres Geschäfts ist – die andere, das sind die Komponisten, das ist die Musik, das ist das weltumspannende Netzwerk, das Gespür für Menschen und das Anliegen, Musikern Originalwerke zugänglich zu machen. „Bisweilen müssen Werke wissenschaftlich aufgearbeitet werden“, sagt sie, damit sich nicht Fliegendreck vergangener Jahre zwischen die Noten schmuggelt und die Harmonie der Töne stört.

Oder es muss geprüft werden, ob sie echt sind. So lassen sich etwa anhand der Wasserzeichen auf dem Notenpapier, das Johann Sebastian Bach verwendete, seine Werke datieren. Und: Papier sollte stets einen Cremeton haben – weißes blendet bei Licht. „Bärenreiter steht für Qualität“, betont sie.

Scheuch-Vötterle studierte im vierten Semester Jura, als der Vater einen Schlaganfall bekam, und sie in den Verlag einstieg. Sie machte eine Lehre, doch „am meisten habe ich vom Vater gelernt“. Als er 1975 starb, wurde sie mit 28 Jahren Geschäftsführende Gesellschafterin. „Der Start war holprig, die Mitarbeiter haben mich geduzt, ich war das kleine Mädchen, ich habe sie gesiezt“, sagt die 62-Jährige. Sie schafft es, weil es für die Verleger-Tochter Alltag ist, wenn Komponisten wie Paul Hindemith den Vater besuchten – „das war Onkel Paul“. Im Alltag verschwimmen Beruf und Privates, die Verlagswelt ist ihr von Kindesbeinen an vertraut – wie die Blockflöte: „Die trifft jedes Bärenreiter-Kind.“ Nun spielt sie Querflöte.

Fachverlag für die Musik

Noten sind wirtschaftlich die wichtigste Sparte des Unternehmens. Vor 15 Jahren kam Prag dazu. Dort übernahm Bärenreiter den tschechischen Staatsverlag Suprahon. Mittlerweile editiert der Verlag 8000 Werke, zu denen die kritischen Gesamtausgaben von Schubert, Händel und Berlioz, sowie als Glanzstücke die neue Bach- sowie die neue Mozartausgabe gehören.

Bärenreiter steht aber auch für Fachzeitschriften und -bücher wie die Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“. Und der Verlag verlegt zeitgenössische Komponisten: „Was wir an Noten heute einkaufen, ist das Fundament für die nächste Generation.“

Von Martina Wewetzer

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.