London stellt Krisenplan für BP-Kollaps auf

London - Angesichts astronomischer Kosten für die Ölkatastrophe im Golf bereitet sich die britische Regierung nach Informationen der “Times“ auf ein Auseinanderbrechen von BP vor.

Es würden Krisenpläne für den Fall eines Zusammenbruchs oder einer Zerschlagung ausgearbeitet, berichtete die Zeitung am Dienstag.

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Eine Sprecherin des britischen Energieministeriums sagte der Nachrichtenagentur dpa: “Wir kommentieren keine hypothetischen Krisenpläne, für welches Unternehmen auch immer.“ Auch andere Ministerien und die Downing Street wollten sich nicht äußern oder verwiesen auf einen späteren Zeitpunkt.

Zumindest auf den Kurs der BP-Aktie wirkten sich die wilden Gerüchte aber durchaus positiv aus. Am Dienstagvormittag notierten die Papiere bei 342,50 Pence und lagen damit um 2,74 Prozent im Plus. Seit April hat sich der Aktienkurs des Unternehmens wegen der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko nahezu halbiert. Auf dem derzeitigen Niveau waren die Titel zuletzt im April 1997 gehandelt worden.

Ölpest im Golf von Mexiko: Chronologie des Versagens

20. April: Auf der Ölbohrinsel “Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko gibt es eine Explosion. Die meisten der 126 Arbeiter können gerettet werden, 11 bleiben vermisst. © dpa
22. April: Die brennende Bohrinsel sinkt. Zum Untergang trägt eine Serie technischer und menschlicher Fehler bei. © dpa
25. April: Experten versuchen mit einem Unterwasser-Roboter, den Austritt von Rohöl in 1500 Metern Tiefe zu stoppen - ohne Erfolg. © dpa
29. April: Die US-Regierung stuft die Ölpest als Katastrophe “von nationaler Bedeutung“ ein. © dpa
1. Mai: Nach Louisiana und Florida rufen auch die Bundesstaaten Alabama und Mississippi den Notstand aus. © dpa
6. Mai: Das Öl erreicht Land, die unbewohnte Freemason-Insel. © dpa
8. Mai: BP-Experten brechen den Versuch ab, das ausströmende Öl mit Hilfe einer großen Stahlkuppel abzusaugen. © dpa
11. Mai: Im Energieausschuss des Senats machen sich die Spitzenmanager der drei in das Unglück verstrickten Unternehmen - BP, Transocean und Halliburton - gegenseitig verantwortlich. © dpa
17. Mai: Der für die Kontrolle der Tiefsee-Bohrungen zuständige Abteilungsleiter der US-Behörde für Mineralienförderung tritt zurück. © dpa
20. Mai: Ein Live-Video vom Meeresgrund zeigt, dass mehr Öl ins Wasser austritt als BP bisher schätzte. © dpa
26. Mai: BP startet die Operation “Top Kill“. Durch Beschuss mit riesigen Schlamm-Mengen soll das sprudelnde Öl gestoppt werden. © dpa
27. Mai: Obama entlässt die Chefin der Behörde für Mineralien- Management (MMS), Elizabeth Birnbaum. © ap
28. Mai: Obama will die Zahl der Helfer verdreifachen. Rund 240 Kilometer der Küste sind bereits verseucht. Laut US-Ozeanbehörde NOAA darf bereits in einem Viertel des Golfs nicht mehr gefischt werden. © dpa
29. Mai: Die Operation “Top Kill“ scheitert. Nun soll ein Steigrohr zur Quelle am Meeresgrund abgesägt und auf die Öffnung eine Kuppel gestülpt werden. Dort soll ein Großteil des Öls aufgefangen und durch eine Leitung zu einem Schiff geleitet werden. © dpa
4. Juni: Den Ingenieuren gelingt es, einen Behälter über dem Leck zu platzieren. Allerdings strömt weiterhin Öl ins Meer, nur ein kleiner Teil kann kontrolliert zu einem Schiff abgeleitet werden. © dpa
10. Juni: Allein in Louisiana haben inzwischen mehr als 70 Menschen ärztliche Hilfe gesucht - wegen Übelkeit, Kopfschmerzen, entzündeten Augen und Atembeschwerden. Mindestens 1100 ölverschmierte Vögel wurden gefunden, der größte Teil von ihnen tot. © dpa
11. Juni: Wissenschaftler der US-Geologiebehörde gehen davon aus, dass täglich bis zu 5400 Tonnen Öl aus dem Bohrloch schießen könnten. © dpa
16. Juni: In seiner ersten Rede aus dem Oval Office wendet sich Obama direkt an die Nation. Die Ölpest werde mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft. In ihrer Energiepolitik müssten die USA eine Wende einleiten. © dpa
17. Juni: BP-Chef Tony Hayward muss sich einem sechsstündigen Kreuzverhör im US-Kongress stellen. © dpa
22. Juni: Ein US-Gericht erklärt ein von Obama verhängtes Verbot von Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko für nichtig. © dpa
23. Juni: Wegen technischer Probleme muss BP das Auffangen des Öls erneut unterbrechen. Zwei Helfer kommen ums Leben. © dpa
28. Juni: Die Ölpest hat BP nach eigenen Angaben mittlerweile 2,65 Milliarden Dollar (2,17 Milliarden Euro) gekostet. © dpa

Falls das ehemals größte britische Unternehmen die Krise nicht überleben sollte, betrifft dies unmittelbar britische Interessen. So gehört BP der größte Teil der britischen Energie-Infrastruktur. Dazu gehört unter anderem ein Leitungssystem, das über 50 Öl- und Gasfelder in der Nordsee verbindet, wie die “Times“ berichtet. Allein in Großbritannien beschäftigt der Konzern mehr als 10 000 Menschen. Im vergangenen Jahr bescherte BP dem britischen Schatzkanzler Steuereinnahmen in Höhe von fast sechs Milliarden Pfund (7,25 Mrd Euro).

Von einem etwaigen Zusammenbruch wären auch viele britische Rentenfonds betroffen, die in BP-Aktien investiert haben. Der britische Premierminister David Cameron wolle die Zukunft von BP deshalb während eines Besuchs in Washington am 20. Juli mit Vertretern der US-Regierung besprechen, berichtete die Zeitung.

Als potenzielle Übernahme-Interessenten gelten BPs Hauptkonkurrenten, die amerikanische ExxonMobil und die niederländisch-britische Royal Dutch Shell. BP betont jedoch immer wieder, dass es die Krise aus eigener Kraft überwinden werde.

 Bereits am Montag war in der britischen Presse spekuliert worden, BP könne sich einen potenten Investor an Bord holen, um sich gegen eine mögliche Übernahme zu schützen. Gleichzeitig könne ein solcher Investor helfen, Mittel einzusammeln, um die Kosten der Ölkatastrophe zu stemmen. Im Gespräch sind vor allem Staatsfonds etwa aus Abu Dhabi, Kuwait, Katar und Singapur. Allerdings haben einige der BP- Aktionäre bereits ihren Widerwillen gegen einen solchen Plan geäußert. Das “Wall Street Journal Europe“ heizte die Spekulationen mit einem Bericht über ein mögliches Interesse Libyens nun weiter an. So habe ein führender Ölmanager des Landes die Aktien als Schnäppchen bezeichnet.

dpa

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