1. Startseite
  2. Wirtschaft

Präsident der Familienunternehmer: „Alle sind auf der Suche nach Fachkräften“

Erstellt:

Von: Tibor Pezsa

Kommentare

Anne Großmann Fotografie
Reinhold von Eben-Worlée © Anne Großmann Fotografie

Die Bedeutung von Familienunternehmen für die Wirtschaft, Wertschöpfung und die Finanzierung des Staates kann kaum überschätzt werden. Ein HNA-Interview.

Der Mittelstand ist bislang sehr unterschiedlich durch die Pandemie gekommen. Corona sowie demografische und politische Entwicklungen stellen die Unternehmen vor immer neue Herausforderungen. Darüber sprachen wir mit dem Präsidenten des Verbandes der Familienunternehmer, Reinhold von Eben-Worlée.

Herr von Eben-Worlée, wie sind die deutschen Familienunternehmen bislang durch die Pandemie gekommen?

Ganz unterschiedlich. Einige sehr gut, andere hingegen eher schlecht. Durch staatliche Hilfen als Kompensation für die verordneten Schließungen konnte das Schlimmste verhindert werden, auch wenn in der bürokratischen Abwicklung manches hätte problemloser laufen können. Darüber hinaus ist viel Eigenkapital eingesetzt worden. Die Familienunternehmer haben sich aber natürlich auch auf diese Gegebenheiten eingestellt und kreativ neue Wege gesucht, etwa durch die Digitalisierung ihrer Vertriebsmodelle.

In Zeiten der Krise hat der Staat geholfen, andererseits freut sich kein Unternehmer über Regulierung. Wie ist das Verhältnis der Unternehmen zum Staat?

Grundsätzlich kritisch sehen wir Unternehmer, wenn der Staat anfängt, über planwirtschaftliche Instrumente wie Subventionen bestimmte Branchen zu päppeln und dadurch den Wettbewerb zu verzerren. Während der Pandemie haben wir gesehen, wie der Staat in großen Unternehmen wie Galeria Kaufhof und Lufthansa teils stark eingestiegen ist. Eine Menge kleiner, mittlerer und größerer Unternehmen musste während der Krise letztlich auf Anweisung des Staates in den Lockdown gehen. Daher sehen wir auf Seite der betroffenen Unternehmen sehr deutlich ein Recht auf staatliche Kompensation dieser Einschränkungen.

Ist das nicht erfolgt?

Nur zum Teil.

Nach wieder einem Herbst und Winter im Zeichen der Pandemie wird sich das Wirtschaftsleben hoffentlich bald weiter erholen und normalisieren. Welche Rolle spielt der Mangel an Fachkräften?

Dass wir uns auf diesen Mangel hinbewegen, wissen wir aufgrund der demografischen Entwicklung schon seit 30 Jahren. Schmerzhaft wird der Fachkräftemangel besonders in den Regionen, wo Fachkräfte nicht so gern hinziehen. Städtische Großräume wie Hamburg, München und Berlin sind davon weniger betroffen. Wir alle sind auf der Suche nach Fachkräften. Wenn wir in Deutschland unser Bruttosozialprodukt erhalten und uns als Produktions- und Industrieland weiterhin im internationalen Wettbewerb hervortun wollen, brauchen wir gut ausgebildeten Nachwuchs.

Akademiker?

Nein, nicht nur. Wir brauchen vor allem Fachkräfte, die über das duale System und über die Meisterschulen kommen und die sozusagen auch die Arbeit vor Ort erledigen. Es wird leider immer schwieriger, junge Leute zu begeistern, sich in handwerklichen Berufen zu engagieren. Das sehen wir mit Sorge.

Was können Sie tun?

Wir können versuchen, die Effizienz in den Unternehmensstrukturen zu steigern, um mit weniger Mitarbeitern höhere Leistung zu erzielen. Informationstechnik ist hier das Thema, aber in Grenzen. Deswegen hoffen wir, dass die neue Bundesregierung bürokratische Hürden bei der Zuwanderung abbaut auch mit Blick auf Länder außerhalb Europas. Dafür müssen beispielsweise ausländische Abschlüsse und Zertifikate schneller anerkannt werden.

Wie hoch ist der Bedarf?

Wir brauchen jedes Jahr 400 000 zusätzliche bereits qualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von außerhalb. Das ist in etwa die Zahl der Fachkräfte, die uns jedes Jahr verloren geht durch Rente, Auswanderung oder Krankheit. Wenn uns das nicht gelingt, schrumpfen unser Bruttosozialprodukt, die Steuereinnahmen, Sozialbeiträge, alles, was damit zusammenhängt. Das ist zweifellos eine große Herausforderung.

Wie gravierend ist der Nachwuchsmangel in den von Ihnen vertretenen Unternehmen?

Das ist ein sehr individuelles Problem. Unternehmertum ist ja ein Wert für sich; viele Nachfolger in Unternehmen sind hoch motiviert. Wo sie fehlen, gibt es verschiedene Möglichkeiten, ein Unternehmen in die Zukunft zu entwickeln. Verkaufen ist eine, oder auch das Unternehmen in eine Stiftung einzubringen, welche die Erträge beispielsweise sozialen Zwecken zuführt.
Welche Themen bewegen die Unternehmen noch?
Die Digitalisierung ist ein großes Thema und erfordert neben Investitionen auch die Bereitschaft, die eigenen Geschäftsmodelle zu prüfen. Zum einen sind dabei natürlich die Unternehmen selbst gefordert, den Strukturwandel zu gestalten, aber zum anderen brauchen wir gute Rahmenbedingungen. Hier muss die Politik endlich ihre Hausaufgaben machen: schnelle digitale Infrastruktur und Verwaltungsdigitalisierung sind beispielsweise offene Baustellen. Auch der Klimawandel bereitet uns größte Sorge.

Warum?

Weil viele Geschäftsmodelle auf Öl, Gas und auch noch auf der Kohle basieren. Vielen Unternehmern, auch mir, fehlt die Fantasie, wie wir es schaffen wollen, bis 2030, also in neun Jahren, 65 Prozent weniger CO2 zu emittieren und zwar über alle Sektoren: im Verkehr, in der Industrie, bei der Wärmeerzeugung, in der Landwirtschaft. Das kann schon wegen der Länge der Investitionszyklen kaum funktionieren.

Was ist mit Wasserstofftechnologie und erneuerbaren Energien?

Grüner Wasserstoff ist noch zu wenig vorhanden und für viele Anwendungen zu teuer. Erneuerbare Energien fließen nicht gleichmäßig genug und sind damit zu unsicher. Hier hat der Wirt die Rechnung ohne den Gast gemacht der Staat gibt Ziele vor, hat aber keine Ahnung, wie sie durch Wirtschaft und Verbraucher jemals erreicht werden könnten. Da wird stark aneinander vorbeigeredet. Die Politik lobt uns in Sonntagsreden, aber sie tut wenig, um unser Leben und Wirtschaften zu erleichtern.

Welche Entwicklungen in den Unternehmen finden Sie besonders spannend?

In der Energieforschung gibt es sehr interessante Entwicklungen, gerade auch in mittelständischen Unternehmen, zum Beispiel bei der Batterieentwicklung. In der Pandemie haben wir gerade erst gesehen, zu welch spektakulären Leistungen in der Wirk- und Impfstoffherstellung der deutsche Mittelstand in der Lage ist. Auch in der Material- und Werkstoffforschung, oft in Zusammenarbeit mit Universitäten, gibt es vielversprechende Entwicklungen. Im Maschinenbau sind wir nach wie vor Weltmarktführer. Wir haben wirklich starke mittelständische Unternehmen in Deutschland jetzt muss es gelingen, diese Technologieführerschaft durch die Digitalisierung auch in Zukunft zu behaupten, Stichwort Industrie 4.0.

Sehen Sie Ihre Sorgen und Nöte sonst zureichend von der Politik berücksichtigt?

Die Politik lobt uns in Sonntagsreden, aber sie tut wenig, um unser Leben und Wirtschaften zu erleichtern. Zum Beispiel bei der Beseitigung überflüssiger Bürokratie und langwieriger Verfahren. Vieles in diesem Bereich kostet uns unnötig Zeit und Geld und ist einfach ärgerlich. Das gilt übrigens auch bei dem ansonsten ja geforderten schnellen Ausbau erneuerbarer Energien.

REINHOLD VON EBEN-WORLÉE ÜBER…
… die Europäische Union: „Wir machen uns allergrößte Sorgen über die Schuldenaufkaufprogramme der Europäischen Zentralbank (EZB). Unbegrenzte Liquidität und Nullzinspolitik sind der Treibstoff für die steigende Inflation. Durch zu viel und zu billiges Geld überhitzen viele Märkte, das sehen wir auf dem Immobilienmarkt mit den schnell steigenden Mieten. Jetzt passiert dasselbe zunehmend auf dem Konsumgütermarkt. Bei der Energie treibt die Politik zusätzlich die Kosten. Die mittelständische Wirtschaft mit ihren Arbeitsplätzen zahlt am Ende die Zeche. Wir sollten jetzt zumindest die Risiken begrenzen. Der Sündenfall der Großen Koalition, dass wir für den Europäischen Wiederaufbaufonds gemeinschaftlich haften, muss eine einmalige Ausnahme bleiben. Man verbessert die Schuldentragfähigkeit zahlungsunfähiger Staaten ja nicht dadurch, dass wir dafür Bürgschaften ohne Rückzahlungsregeln abgeben. Irgendwann muss die nächste Generation diese Schulden begleichen. Das kann nicht sein.“ tpa

ZUR PERSON
Reinhold von Eben-Worlée (64), gebürtiger Hamburger, ist seit 2017 Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“. Der gelernte Industriekaufmann und diplomierte Lebensmitteltechniker ist Eigentümer und Geschäftsführer der E. H. Worlée & Co. GmbH & Co. KG. Das Familienunternehmen in fünfter Generation stellt mit seinen Tochterunternehmen Rohstoffe für die Lack-, Kosmetik- und Nahrungsmittelindustrie her. Das sind nach Angaben der Firma beispielsweise Trockenfrüchte, die später in Müsliriegeln verarbeitet werden oder auch Bestandteile für Tütensuppen. Darüber hinaus werden in der Chemie- und Kosmetiksparte Grundstoffe für Farben und Lacke produziert. 670 Mitarbeiter arbeiten an drei Standorten in Norddeutschland. Die Worlée-Gruppe erwirtschaftete 2019 einen Umsatz von 284 Millionen Euro. Reinhold von Eben-Worlée ist verheiratet und hat drei Töchter. http://www.familienunternehmer.eu tpa

HINTERGRUND
Familienunternehmen
Die Bedeutung familienkontrollierter Unternehmen für die deutsche Volkswirtschaft ist riesengroß: 90 Prozent aller deutschen Unternehmen gehören dazu. Sie beschäftigen über acht Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die zusammen einen Umsatz von über 1,7 Billionen Euro erwirtschaften. Sie stellen zudem 80 Prozent der dualen Ausbildungsplätze. Laut Stiftung für Familienunternehmen in Deutschland und Europa finden sich hierzulande im Vergleich zu vielen anderen Industrienationen viele sehr große Familienunternehmen. Die meisten davon sind in ihren Herkunftsregionen standorttreu, so etwa global agierende Firmen wie das Biotechnologieunternehmen KWS Saat im südniedersächsischen Einbeck und der Medizintechnikhersteller B.Braun im nordhessischen Melsungen. Die größten Familienunternehmen sind weltweit bekannt: Der Volkswagenkonzern gehört dazu, die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland), Aldi und auch Rossmann. tpa

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion