Primark

Primark schadet Umwelt und Mensch - wie sehr, zeigt jetzt eine Studie

+
Rein ins Shopping-Getümmel: Ansturm auf einen Primark-Laden in Amsterdam.

Die Modekette Primark treibt das Fast-Fashion-Prinzip auf die Spitze. Eine Studie zeigt jetzt, wie sehr das Mensch und Umwelt schadet.

Es klingt beruhigend, und das soll es wohl auch: „Die Produkte für Primark werden mit Achtung vor dem Menschen hergestellt“, steht auf der Webseite der irischen Modekette. Ähnlich wohlklingende Bekenntnisse fand man dort vor sechs Jahren, als in der Nähe von Dhaka, der Hauptstadt des südasiatischen Staates Bangladesch, das Gebäude Rana Plaza eingestürzt war. 1135 Menschen starben, mehr als 2500 wurden verletzt, die meisten von ihnen hatten in den Textilfabriken gearbeitet, in denen unter anderem Primark nähen ließ.

Primark eröffnet größten Kleiderladen der Welt

Der Textildiscounter zahlte etwa zehn Millionen Euro Entschädigung und Opferhilfe – mehr als alle anderen Kleiderfirmen, die in Rana Plaza fertigen ließen. Ein Klacks allerdings gemessen am steigenden Gewinn von Primark, der zuletzt knapp eine Milliarde Euro betrug. Die irische Modekette, die am Mittwoch 50 Jahre alt wird, wächst. Im April hat Primark in Birmingham den größten Kleiderladen der Welt öffnet: 15 000 Quadratmeter Verkaufsfläche auf fünf Etagen mit Cafés, Friseur und Nagelstudio.

Anders als die Billig-Konkurrenz von H&M und Zara macht Primark keine Werbung. Das übernehmen freiwillig die Kundinnen, sehr junge Frauen mit sogenannten „Primark Hauls“: in Youtube-Videos leeren sie ihre Primark-Papiertüten aus und zählen begeistert auf, wie viel Mode man für kleinstes Geld bekommt: Für 30 Euro kann man sich von Kopf bis Fuß einkleiden, eine Jeans gibt es schon für elf Euro. Primarks Geschäftsprinzip ist eine harte Preiskalkulation mit wenig Renditeaufschlägen. Trotz der niedrigen Gewinnmargen ist die Kette erfolgreich – weil sie so riesige Mengen verkauft. Alleine im Kölner Primark, einer der größten Filialen in Deutschland, gehen an einem normalen Ferien-Samstag 45 000 Einzelteile über die Ladentheke.

Primark: „Fast Fashion – Eine Bilanz in drei Teilen“

Das hat seinen Preis für die Menschen in den Fabriken und für die Natur. Das hat die Christliche Initiative Romero (CIR) in der Studie „Fast Fashion – Eine Bilanz in drei Teilen“ dargelegt. Die Organisation, die sich für gerechte Arbeit in der Textilindustrie einsetzt, hat die Bedingungen in zehn Textilfabriken in Sri Lanka untersucht. Sechs davon produzieren für Primark. „In keiner der untersuchten Fabriken wird der Verhaltenskodex eingehalten, den Primark seinen Herstellern auferlegt“, sagt Isabell Ullrich, Textilreferentin bei der CIR. 

Alles im Überfluss: Blick in einen Primark-Laden in Boston.

Bis zu 80 Stunden pro Woche arbeiten die Näherinnen, 35 Überstunden inklusive. Gesetzlich erlaubt sind nur maximal 45 reguläre Arbeitsstunden und 12 Überstunden pro Woche. Manche der Textilarbeiterinnen und - Arbeiter erhalten nicht einmal den gesetzlichen Mindestlohn von umgerechnet 79 Euro, obwohl selbst der nicht zum Leben reichen würde: Laut der Asia Floor Wage Alliance müsste ein existenzsichernder Lohn in Sri Lanka 296 Euro betragen. Mit umgerechnet 128 Euro im Schnitt verdienen die Arbeiterinnen und Arbeiter weniger als die Hälfte. In keiner der untersuchten Fabriken gebe es eine Gewerkschaft, so CIR.

Primark bestätigt die Missstände in drei der untersuchten Fabriken. Man arbeite eng mit den Lieferanten zusammen und beobachte die Entwicklung. Zu Norwood Fashion habe man den Kontakt 2018 abgebrochen. Zwei weitere Hersteller, Lanka Washing Unit und Paradise Toys Private Ltd, seien keine autorisierten Zulieferer. Offenbar handelt es sich dabei um Subunternehmer.

Einkaufspraktiken der Fast-Fashion-Firmen wie Primark

Das eigentliche Problem sind aber die Einkaufspraktiken der Fast-Fashion-Firmen. „Bei der Auwahl der Fabriken geht es nur um Preis, Zeit und vielleicht noch Qualität. Die ethischen Ziele, die sie sich groß auf die Fahnen schreiben, spielen beim Einkauf keine Rolle “, sagt Textilreferentin Ullrich. Modefirmen wie H&M, Zara und Primark verkaufen in immer kürzeren Abständen neue Trends – meist billige Kopien von Designstücken, die man ähnlich auf den Laufstegen von Paris oder Mailand gesehen hat. Fast-Fashion-Marktführer bieten zwölf bis 24 Kollektionen im Jahr an.

Warum der Klimawandel Reiche noch reicher macht, lesen Sie bei FR.de*

Es hat die Produktion unglaublich beschleunigt, dass alle zwei bis vier Wochen neue Kleider, T-Shirts und Hosen in den Läden hängen: in der traditionellen Modeindustrie vergeht ein Jahr vom Entwurf eines Kleidungsstücks bis zum Verkauf im Laden. In der Fast Fashion dauert es im Extremfall nur wenige Wochen. Das setzt die Nähereien unter immensen Druck, immer schneller immer größere Mengen zu extrem niedrigen Preisen zu produzieren.

In deutschen Schränken hängen mehr als fünf Milliarden Klamotten

Laut der CIR-Studie akzeptiert mehr als ein Drittel der Lieferanten einen Preis unterhalb der Produktionskosten. Verspätete Zahlung von Löhnen, massig Überstunden, Auslagerung an zweifelhafte Subunternehmen sind die Folge, für Investitionen in Ausstattung und Sicherheit der Fabriken fehlt das Geld.

Zwischen 2000 und 2015 haben sich die Kleidungskäufe global verdoppelt: von etwa 50 Milliarden Kleidungsstücken auf mehr als 100 Milliarden, mehr, als die Weltbevölkerung je tragen könnte. Alleine in deutschen Schränken hängen mehr als fünf Milliarden Klamotten, 40 Prozent davon werden selten oder nie genutzt und nur halb so lange wie vor 15 Jahren getragen, bis sie entsorgt werden. Das produziert letztlich riesige Müllberge.

Das könnte Sie auf FR.de*auch interessieren: Menschenrechtsverletzungen im Textilsektor: „Grüner Knopf“ ist zu wenig

Mehr als vier Milliarden Altkleider werden weltweit gehandelt. 42 Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika haben den Import von Textilschrott eingeschränkt oder verboten. Der Ressourcenverbrauch ist enorm: Die Textilindustrie verschlingt zehn Prozent des industriell genutzten Wassers weltweit und stößt mehr CO2 aus als alle internationalen Flüge und die Seeschifffahrt zusammen. Fünf Prozent des kultivierten Bodens weltweit werden zur Herstellung von Fasern und anderem Material für Bekleidung genutzt. Weil zwei Drittel aller heute hergestellten Kleider Polyester enthalten, verschlingt die Modeindustrie 98 Millionen Tonnen Erdöl. Seit 2000 hat sich die Verwendung der Kunstfaser in Kleidung fast verdreifacht. Eine Katastrophe für die Meere: Bei jedem Waschgang werden aus den Fasern Mikropartikel gespült.

Die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Textilindustrie haben die sozialen und ökologischen Auswirkungen kaum eindämmen können .Lesen Sie mehr auf FR.de* Deshalb fordern Nichtregierungsorganisationen wie die CIR schon lange, dass der Gesetzgeber durchgreift. Derweil geht der Kleiderwahnsinn munter weiter.

fr.de* ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.