VW kam vor 50 Jahren an die Börse – Aktie zu 84,5 Prozent überzeichnet 

Wolfsburg/Kassel. Helmut Seitz (73) aus Kassel hat eine. Gelagert wird sie für ihn noch heute im Depot der Volkswagen AG in Wolfsburg. Am 7. April 1961, heute vor 50 Jahren, gingen die ersten VW-Aktien an die Börse.

Im VW-Werk Kassel lief die Produktion des 113-Getriebes des VW 1500, der später als Limousine in Serie ging. Rudolf Leiding war Werkleiter und Seitz einer der damals 8609 Beschäftigten in Baunatal. Für jeden Mitarbeiter gab es eine Gratisaktie. „Das war für mich und meine Kollegen schon eine Auszeichnung“, sagte Seitz gestern. Der damalige Vorstand Heinrich Nordhoff sei sehr arbeitnehmerfreundlich gewesen.

Für Seitz selbst blieb es bei dieser einen Aktie. „Ich kann doch nicht mein verdientes Geld verspielen“, sagt er aus Überzeugung. Von 1960 bis 1995 war er im Werk in Baunatal. Als die Aktien ausgegeben wurde, arbeitete er im Werkzeugbau, zuletzt lehrte er in der werksinternen „Berufsschule“. Bei dieser einen VW-Aktie blieb es für 51,6 Prozent der Belegschaft. Nur ein gutes Drittel der Beschäftigten kauften mit Rabatt zehn Aktien – mehr wurde an einzelne Mitarbeiter nicht ausgegeben.

Dem Börsengang von 1961 gingen die Verabschiedung des VW-Gesetzes und die anschließende Teilprivatisierung des Autobauers voraus. Unter der Devise „Wohlstand für alle“ förderte die Bundesregierung die Beteiligung der Bürger an Unternehmen. Das VW-Wertpapier wurde zum Prototyp einer solchen „Volksaktie“. Je nach Einkommen wird ein Sozialrabatt von zehn bis 25 Prozent gewährt.

Auf Basis des VW-Gesetzes wurde die Volkswagenwerk GmbH am 22. August 1960 zur „Volkswagenwerk Aktiengesellschaft“ umfirmiert. Zuvor hatte, nachdem sich die britische Militärregierung 1949 als Treuhänderin der Volkswagenwerk GmbH zurückgezogen hat, die Bundesregierung die Treuhänderschaft und Niedersachsen die Verwaltung des Unternehmens bis 1960 übernommen. Mit der ersten Notierung der VW Aktie fand der Privatisierungsprozess seinen Abschluss. Die Bundesrepublik Deutschland trennte sich von ihren 20-prozentigem Aktienpaket erst im Jahr 1988.

Der Nennwert der Aktie, also der Anteil, mit dem ein Aktionär am Grundkapital der Aktiegesellschaft beteiligt ist, lag 1961 bei 100 DM. Der Ausgabepreis wurde aber auf 350 DM festgesetzt. Bereits kurz nach Handelsbeginn schnellte der Kurs auf 750 DM hoch. Das Angebot war um 85,4 Prozent überzeichnet.

Wer damals eine Aktie im Gegenwert von 350 DM erworben und diese nicht verkauft hat, besitzt heute nach zwei Aktiensplits 20 Stammaktien im Wert von 2200 Euro und hat zusätzlich Dividendenzahlungen von insgesamt 570 Euro erhalten. „Ach“, sagt Seitz, „für mich hat meine Aktie einen sehr hohen emotionalen Wert.“ An der Börse hatte VW am 31. März 2011 eine Marktkapitalisierung von 51 Milliarden Euro.

Von Martina Wewetzer

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.