Ratingagentur S&P straft auch Euro-Rettungsfonds ab

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Nach Frankreich und Österreich hat auch der Euro-Rettungsfonds EFSF seine Topnote bei Standard & Poor's verloren.

Berlin - Europas Waffe gegen die Schuldenkrise verliert wohl ein bisschen Schlagkraft. Nach Frankreich und Österreich erwischt es den Euro-Rettungsfonds: Die Ratingagentur S&P schlägt wieder zu.

Ende der Erstklassigkeit: Nach Frankreich und Österreich hat auch der milliardenschwere Euro-Rettungsfonds EFSF die höchste Kreditwürdigkeit verloren. Die US-Ratingagentur Standard & Poor's stufte am Montagabend die Bonität von Bestnote “AAA“ auf “AA+“ zurück und begründete den Schritt damit, dass französische und österreichische Anleihen ihre Top-Bonität verloren hätten. Anleger orientieren sich an dieser Einstufung und könnten künftig deshalb etwas höhere Zinsen für ESFS-Anleihen verlangen.

Diesen Schritt hatten die Finanzmärkte nach der Abstufung von neun Euro-Staaten, die für den Fonds bürgen, am Freitag durch S&P erwartet. Die europäischen Börsen und Finanzmärkte hatten insgesamt gelassen auf die Neubewertung reagiert, allerdings waren die Handelsplätze in den USA am Montag geschlossen. Frankreich besorgte sich zu sehr günstigen Zinsen frisches Kapital.

EFSM, EFSF oder ESM: Das bedeuten die Kürzel der Finanzkrise

EFSM: Wenn vom EFSF-Rettungsschirm die Rede ist, fällt manchmal auch diese Abkürzung. Der Krisenfonds setzt sich nämlich aus dem Europäischen Finanzstabilisierungsmechanismus (EFSM) und dem EFSF zusammen. © dpa
ESM: Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) wird der Nachfolger des EFSF-Fonds. Spätestens Mitte 2013 soll er den befristeten Rettungsschirm dauerhaft ablösen und 500 Milliarden Euro an Kredithilfen bereitstellen. © dpa
EZB: Die Europäische Zentralbank (EZB) ist die Hüterin der europäischen Währung. Daher ist die Notenbank an allen wichtigen Beschlüssen in der Schuldenkrise beteiligt. Oberstes Entscheidungsgremium ist der EZB-Rat. Ihm gehören die Chefs der 17 nationalen Notenbanken und ein sechsköpfiges Direktorium an, an dessen Spitze der EZB-Präsident. © dpa
IWF: Der Internationale Währungsfonds (IWF) spielt zur Bekämpfung der Euro-Schuldenkrise eine wichtige Rolle. Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen greift ein, wenn Staaten Geldprobleme haben. Finanzhilfen sind meist an strenge Auflagen geknüpft - etwa an die Sanierung des Staatshaushalts. Bei allen Hilfsaktionen im Euroland, ob in Griechenland, Irland oder Portugal, war der IWF mit im Boot. © dpa
SPIV: Als Option zur Euro-Rettung gilt auch ein Special Purpose Investment Vehicle (SPIV). Bei der “Investment-Zweckgesellschaft“ würden öffentliches und privates Kapital zusammengeführt. Eine oder mehrere Zweckgesellschaften könnten zentral oder gesondert in einem Land errichtet werden, das Hilfen bekommt. Die Zweckgesellschaft soll die Finanzierung von Euro-Ländern erleichtern. Sie würde in Staatsanleihen eines Landes investieren. © dpa
Troika: Das Wort Troika ist eigentlich keine klassische Abkürzung. Es kommt aus dem Russischen und bedeutet “Dreiergespann“. In der Schuldenkrise werden damit aber verkürzt drei Expertengruppen bezeichnet - nämlich EZB, IWF und EU-Kommission. © dpa
G20: Die Gruppe der 20 (G20) bezeichnet die Top-Wirtschaftsmächte. Zwei Drittel der Weltbevölkerung werden durch sie repräsentiert, ihre Beschlüsse haben globalen Einfluss. Anfang November beraten ihre Mitglieder erneut über die Euro-Rettung. Der Zusammenschluss wurde 1999 als Reaktion auf die Finanzkrisen in Asien, Brasilien und Russland gebildet. © dpa
PSI: Die Politik will private Gläubiger wie Banken und Versicherungen stärker an der Griechenland-Rettung beteiligen. In Fachkreisen wird dabei stets von PSI (“Private Sector Involvement“, also Beteiligung des Privatsektors) gesprochen. Der Streit dreht sich darum, in welchem Ausmaß die Privaten auf Ansprüche gegen Griechenland verzichten. © dpa
CDS: Ein Schuldenschnitt ist auch deswegen so sehr umstritten, weil er Kreditausfallversicherungen (CDS oder “Credit Default Swaps“) auslösen könnte, sobald die Ratingagenturen für ein Land das Urteil “Zahlungsausfall“ (“Default“) ausrufen. Es gibt Experten, die befürchten, dass dann eine unkontrollierbare Kettenreaktion in Gang kommt, die etliche Kreditinstitute in den Abgrund reißen könnte. © dpa

EFSF-Chef Klaus Regling unterstrich in Luxemburg, dass der Fonds weiter handlungsfähig sei und über ausreichende Mittel verfüge, den Verpflichtungen nachzukommen. Außerdem sei der Fonds nur durch eine der drei großen Agenturen abgestuft worden.

Die Bundesregierung betonte bereits vor der Herabstufung, die Finanzierung des Fonds sei sicher. Seine Ausstattung müsse nicht vergrößert werden.

Nachdem Frankreich und Österreich am Freitag die Topnote bei S&P verloren hatten, spielen nur noch vier Euro-Staaten - neben Deutschland die Niederlande, Finnland und Luxemburg - in der ersten Liga. Möglicherweise kommen auf den Fonds für das leicht höher eingeschätzte Risiko auch leicht höhere Zinszahlungen an Investoren in EFSF-Anleihen zu.

EZB-Chef Trichet tritt ab: Seine Karriere in Bildern

"Die Sprache des Geldes" beherrscht der Franzose Jean-Claude Trichet, hier 2010 bei einer gleichnamigen Ausstellung in Frankfurt, perfekt. Das zeigte er acht Jahre lang an der Spitze der EZB. Doch sein Start war holprig. © dpa
Unruhige Zeite kannte Trichet bereits in den 90er-Jahren als Chef der französischen Zentralbank: Gegen ihn lief ein Ermittlungsverfahren wegen der Milliarden-Verluste bei der Großbank Crédit Lyonnais. © ap
Im Jahr 2002 machte man Trichet und anderen Angeklagten in Paris den Prozess. © dpa
Der Diplom-Bergbauingenieur musste Rechenschaft ablegen und wurde letztendlich am 18. Juni 2003 freigesprochen. © ap
Damit stand seiner Kandidatur als neuer EZB-Chef nichts mehr im Wege. Trichet sollte bereits früher an die Spitze. Doch der Holländer Wim Duisenberg (li.) erhielt 1998 den Vorzug. © dpa
Geschafft! Prozess gewonnen, Kandidatur gewonnen. Am 1. November 2003 klettert Trichet mit 60 Jahren an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB). © ap
Trichets Führungsstil war nüchtern, doch die Kameras liebten die ausladenden Gesten Trichets. © dpa
Trichtes Führungsstil war nüchtern, doch die Kameras liebten die ausladenden Gesten Trichets. © dpa
Mit beiden Armen erklärt Trichet auf diesem Bild die Erhöhung des Leitzinses um 0,25 Prozent auf 2,5 Prozent im Jahr 2006. © dpa
Nachdenklich in Davos - die Immobilienblase in den USA ist zum Bersten gespannt. © dpa
Die Lehman-Bank ist Pleite, Trichet im Jahr 2008. © ap
Nun ist die Finanzkrise im vollen Gang - Trichet ist gefordert... © dpa
...muss Weitsicht beweisen... © dpa
...auch mit Blick nach oben. Hier mit Italiens Notenbankchef Mario Draghi, der Trichet nun als EZB-Chef folgt. © dpa
Küss' die Hand Madame! Trichet als Gentleman im Jahr 2009 mit Kanzlerin Merkel. © dpa
Die Zukunft des Euro steht im Jahr 2011 auf der Kippe. Die Finanzmärkte wackeln. © dpa
Banges Hoffen: Ben Bernanke (l), Präsident der US-Notenbank, und Trichet. Die wichtigsten Notenbanken der Welt stehen bereit, um falls notwendig weitere Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte zu ergreifen. © dpa
Klare Ansagen, klare Richtung: Im Juni  schlug Trichet  die Bildung eines europäischen Finanzministeriums vor. © dpa
Trichte im Gespräch mit dem damaligen Chef der Deutschen Bundesbank, Axel Weber. © dpa
Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos und Trichet unterhalten sich über die Sparpläne des hochverschuldeten Landes.  © dpa
Auszeichnung für den Euro-Retter: Trichet wurde im Juni 2011 für seine Verdienste um die Währungsunion, den stabilen Euro und die europäische Wettbewerbsfähigkeit in schwierigen Zeiten mit dem Karlspreis ausgezeichnet. © dpa
Klare Abfolge: Am 24. Juni 2011 beschloss der EU-Gipfel, dass Mario Draghi Trichet an die Spitze der EZB folgen soll. © ap
Immer ein Lächeln für die Damenwelt übrig: Hier mit der Europa-Parlamentarierin  Sharon Bowles. © dpa
Darf's ein  Tässchen Kaffee sein, Herr Präsident? Trichet in Norditalien. © dpa
Schwere Zeiten: “Insgesamt gesehen, insbesondere nach Lehman Brothers, ist das die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Trichet. © dpa
Es wird eng, schließlich muss die EZB weiter dafür sorgen, dass die Preise stabil bleiben. © dpa
Trichet im Gespräch mit Finanzminister Wolfgang Schäuble. © dpa
Ein Gespräch mit dem neuen Mann an der Spitze der Deuteschen Bundesbank, Jens Weidmann. © dpa
Sternstunde: Jean-Claude Trichet, gibt am Donnerstag, 6. Oktober 2011 in Berlin seine letzte Pressekonferenz in dieser Funktion. © dpa
Jetzt räumt Trichet seinen Stuhl... © dpa
...und tritt nach acht turbulenten Jahren ab. © dpa
Trichets Platz bleibt nicht lange leer. Italiens oberster Banker Mario Draghi übernimmt den Job als EZB-Präsident.  © dpa

Um das zu verhindern, müsste entweder der Umfang möglicher Hilfskredite reduziert werden oder die Euro-Länder müssten den Fonds mit höheren Garantien absichern. Spannung verspricht, zu welchen Konditionen sich der der EFSF an diesem Dienstag finanzieren kann.

Aus Sicht der Bundesregierung muss sich durch den Bonitätsverlust nichts am Volumen des EFSF ändern. “Es gibt (...) keinerlei Handlungsbedarf“, erklärte die Regierungssprecher in Berlin. Schon gar nicht beim dauerhaften Rettungsschirm ESM, der bereits im Juli und damit ein Jahr früher starten soll, und wegen seiner anderen Finanzierungsstruktur mit Barkapital robuster aufgebaut ist.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sieht keine Notwendigkeit für höhere Absicherungen. “Für das, was der EFSF in den nächsten Monaten an Aufgaben hat, reicht der Garantierahmen bei weitem aus“, sagte er im Deutschlandfunk. Das S&P-Urteil zweifelt Schäuble aber an. “Ich glaube nicht, dass Standard & Poor's wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben.“

Krisenhelfer IWF und Weltbank: Was machen die eigentlich?

Der IWF wurde 1944 zusammen mit der Weltbank in Bretton Woods ( USA) gegründet. Ziel war es, nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Weltwirtschaftssystem mit stabilen Wechselkursen einzuführen. Die Zusammenarbeit in der Währungspolitik und im internationalen Zahlungsverkehr sollte gefördert werden. © dpa
Die Finanzhilfen des IWF sind meist an strenge Auflagen geknüpft - etwa an die Sanierung des Staatshaushalts. © dpa
Der Internationale Währungsfonds ( IWF) ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. © dpa
Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen greift ein, wenn Staaten Finanzschwierigkeiten haben oder ihnen der Bankrott droht. Der IWF hilft den Mitgliedsländern dann mit Krediten. © dpa
Chef des IWF ist in der Regel ein Europäer. Aktuell wird er von der früheren französischen Finanzministerin Christine Lagarde gelenkt, die nach dem Rücktritt des Franzosen Dominique Strauss-Kahn an die IWF-Spitze rückte. © ap
Der spätere Bundespräsident Horst Köhler war von 2000 bis 2004 IWF-Chef. Zunehmend drängen aber auch Schwellenländer darauf, den Topposten zu stellen. © dpa
Die Quote bestimmt auch das Mitspracherecht. Der Einfluss aufstrebender Schwellenländer - etwa Chinas oder Indiens - beim IWF wurde zuletzt mit einer Stimmrechts- und Quotenreform erhöht. © dpa
Die Kapitaleinlagen (Quoten) der mittlerweile 187 Mitgliedsländer richten sich unter anderem nach der Stärke ihrer Volkswirtschaft. © dpa
Gerade in der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt der IWF eine wichtige Rolle. Zusammen mit den Europäern schnürte der Währungsfonds Milliarden-Rettungspakete für die Schuldensünder Griechenland, Irland und Portugal. © dpa
Die Weltbank steht nicht ganz so stark im Licht der Öffentlichkeit wie der IWF. Ursprünglich war ihr Ziel, nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau zu fördern und in Zusammenarbeit mit dem IWF stabile Währungen zu schaffen. © ap
Seit den 1960er Jahren liegt ihre Hauptaufgabe in der Entwicklungshilfe. Schwerpunkte sind die Förderung von Infrastruktur, Privatwirtschaft und Umweltprojekten sowie der Kampf gegen Armut und Krankheiten. © dpa
Im Gegenzug zur europäischen Besetzung der IWF-Spitze wird die Weltbank traditionell von einem Amerikaner geleitet, ab 1. Juli 2012 führt Jim Yong Kim die internationale Finanzeinrichtung. © dpa

Auch die EU-Kommission lässt kein gutes Haar an dem Schritt. “Ich denke, die Ratingagenturen sollten die beispiellosen Maßnahmen der Regierungen besser miteinrechnen“, kritisierte Binnenmarktkommissar Michel Barnier. Ein Kommissionssprecher monierte, der Entzug der Bestnote käme zu einem “eigenartigen“ Zeitpunkt, da es vergangene Woche gute Nachrichten gegeben habe.

Aufatmen in Frankreich: Trotz des “AAA“-Verlustes konnte sich die zweitgrößte Euro-Volkswirtschaft 8,59 Milliarden Euro frisches Geld an den Finanzmärkten leihen. Die Zinsen für kurzfristige Geldmarktpapiere sanken sogar im Vergleich zur letzten Versteigerung.

Die erste richtige Nagelprobe kommt allerdings am Donnerstag, wenn Paris mehr als neun Milliarden Euro bei Investoren einsammeln will. Dann geht es um Anleihen mit einer längeren Laufzeiten, die mehr Vertrauen in die langfristige Bonität eines Landes erfordern.

Die Ratingagentur Moody's kündigte an, Frankreich vorerst nicht herabzustufen, wie die französische Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf einen Moody's-Bericht berichtete. Eine Entscheidung werde im Rahmen einer Neubewertung der Eurostaaten bis Ende März fallen. Die dritte große US-Ratingagentur Fitch hatte am vergangenen Dienstag bekanntgegeben, es sei binnen Jahresfrist nicht mit einem Verlust der Spitzenbonitätsnote “AAA“ zu rechnen.

Eine weitere schwere Woche steht Griechenland ins Haus: Die internationalen Finanzninspektteure prüfen wieder einmal den Fortschritt bei Sparmaßnahmen. Zudem gehen die Verhandlungen mit den Gläubigern über den Schuldenschnitt in die entscheidende Phase.

Die Gespräche mit dem Internationalen Bankenverband IIF sollten wohl am Mittwoch fortgesetzt werden, hieß es im Finanzministerium. Ein Abschluss steht aber noch in den Sternen: “Wir hoffen bis zum Ende dieser Woche. Sicher ist aber nichts.“ Vor allem Hedgefonds weigern sich Berichten zufolge, bei der Umschuldung mitzumachen.

Von Max-Morten Borgmann und Andreas Hoenig

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