Vor allem Geringverdiener leiden unter dem hohem Kaufkraftverlust

Realeinkommen sinken

Berlin. Die gute wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen Jahre ist in den Geldbörsen der meisten Arbeitnehmer nicht angekommen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Über alle Lohngruppen sanken die Realeinkommen in den vergangenen zehn Jahren um 2,5 Prozent.

Geringverdiener in den untersten Lohngruppen mussten sogar zweistellige Einbußen hinnehmen. Geringverdiener sind nach gängiger Interpretation Menschen, die im Westen weniger als neun und im Osten weniger als sieben Euro in der Stunde verdienen. Sie stellen mit 6,5 Mio. Betroffenen gut 21 Prozent aller abhängig Beschäftigter im Lande.

Weil deren Löhne gar nicht oder kaum stiegen, sank die Kaufkraft in den untersten Lohngruppen inflationsbereinigt um bis 22 Prozent. Wer 2001 noch 270 Euro verdiente und dessen Lohn bis heute nicht angehoben wurde, hat wegen der jährlichen Teuerung 22 Prozent Kaufkraft verloren. Davon betroffen sind zehn Prozent aller abhängig Beschäftigten. Wer unverändert 520 Euro verdient, hat einen Kaufkraftverlust von immer noch 16 Prozent erlitten. Erst ab einem Nettoeinkommen von 1400 Euro blieben die Verdienste inflationsbereinigt stabil oder stiegen leicht.

Lohnspreizung nimmt zu

Damit hat die Lohnspreizung in den vergangenen zehn Jahren trotz einer überwiegend guten wirtschaftlichen Entwicklung weiter zugenommen.

DIW-Forscher Markus Grabka sieht den Grund hierfür in der starken Zunahme von 400-Euro-Jobs und Leiharbeit, die durch die Hartz-Arbeitsmarktreformen erleichtert worden seien. Außerdem hätten die Gewerkschaften vielfach Gehaltseinbußen akzeptiert. „Die Politik hat die Reformschraube überdreht“, sagte Grabka. „Wenn von 40 Mio. Erwerbstätigen sieben Mio. Mini-Jobber sind, dann ist etwas aus dem Ruder gelaufen.“

Zu den Erwerbstätigen werden auch Selbstständige, Freiberufler und in den Betrieben helfende Familienangehörige gezählt. Die Zahl aller abhängig Beschäftigten liegt aktuell bei knapp 31 Mio. In der Studie wurden nur abhängig Beschäftigte nach dem monatlichen Nettoverdienst durch ihre Hauptbeschäftigung gefragt, also ohne Nebentätigkeiten und staatliche Zuwendungen. 23 000 Arbeitnehmer aus 12 000 Haushalten beteiligten sich an der Umfrage.

Die Zahl der Geringverdiener dürfte vor allem wegen der sprunghaften Zunahme von Leiharbeit weiter steigen. Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag mitteilte, ging der Beschäftigungszuwachs 2010 zu 75 Prozent auf das Konto der so genannten atypischen Beschäftigung. Dazu werden Mini-Jobber, befristete Stellen, Teilzeit- und Leiharbeit gezählt.

Die Zahl der atypisch Beschäftigten ist im vergangenen Jahr um 243 000 auf 7,84 Mio. gestiegen. Im Krisenjahr 2009 hatte sich deren Zahl um 129 000 verringert. Das zeigt, dass dieser Rückgang 2010 weit mehr als ausgeglichen wurde. Arbeitsmarktforscher rechnen auch für 2011 mit einer starken Zunahme dieser Beschäftigungsart. (jop/dpa)

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