Ein robustes Eimerchen

Ein winziges Dorf Ende der 50er-Jahre an der Zonengrenze (so hieß sie damals) bei Göttingen. Winzig auch der Kaufmannsladen von Frau Stölzer, der Mehl im Sack, Gurken im Steintopf und Bonbons im Glas hatte. Außerdem gab es Strumpfhalter und Stopfgarn, aber keine Milch, erinnert sich Axel Schmidt, Redaktionsleiter in Hann. Münden.

Milch gab es im Laden nicht, die gab es nur beim Bauern. Und weil er schon fünf war, drückte ihm seine Mutter abends die Milchkanne in die Hand und schickte ihn los. Die Kanne war aus dickem Blech und hatte einen Holzgriff oben am Bügel. Im Kuhstall war es warm, gerade war gemolken worden. Die schwarzbunten Kühe Elsa und Lotte malmten Gras, in der Milchkammer standen die Großausgaben seiner Kanne.

Er hielt sein Eimerchen hoch, und lächelnd schöpfte die Bäuerin die weiße Gabe mit einem Becher um. Das Bild vergisst er nie: dieser frische, schäumende Schwall, der zum Abendbrot Kakao verhieß und sonntags selbstgemachten Pudding.

Oft war das stabile Eimerchen eine wertvolle Waffe: Wenn nämlich die Gänse angewackelt kamen, angriffslustige Biester, so groß wie er als kleiner Knirps, und der Ganter bedrohlich zischend auf ihn zurannte. Zack, kriegte er mit der vollen Kanne eine gewischt. Welche Angst er dabei jedes Mal ausstand, hat er nie jemandem verraten.

Einmal schwang er sie nach dem Triumph über die Gänsebande übermütig über dem Kopf herum, die gute Milchkanne. Da flog sie weg und knallte gegen die Sandsteinmauer am Dorfteich. Die Milch schwappte heraus, Axel Schmidt bekam zu Hause eine Ohrfeige. Und die Blechkanne wurde durch eine neue ersetzt: Die war was ganz Modernes - nämlich aus Kunststoff.

Robustes Transportmittel

Heute hat das robuste Transportmittel, das sich leicht reinigen lässt und damit keimfrei und geschmacksneutral zu halten ist, weitgehend ausgedient. Die Milch wird nun direkt am Hof in Tanks gesammelt, von Kühlwagen zur industriellen Verarbeitung gebracht und dort in die bekannten Papierverpackungen gefüllt.

Dessen ungeachtet gibt es allein im Internet zahlreiche Anbieter von Milchkannen in verschiedenen Größen. Zumeist sind sie aus Aluminium gefertigt und kosten um die 13 Euro. In einigen Kleinbetrieben sind sie noch zu finden.

Übrigens: Damals war es nicht tragisch, wenn die Milch zu lange im Kühlschrank stand. Wenn sie lang genug gekühlt gestanden hatte, wurde sie dick. Diese Dickmilch konnte man mit einem Löffel essen.

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