Pfaff-Nähmaschine sorgte in den 50er-Jahren für das Modeatelier daheim – Ära der Schnittmuster

Oma sagt: „Das pfaffen wir schon“

Helmut Braune repariert in Hamburg eine Nähmaschine der Marke Pfaff 230 von 1956. Fotos: dpa

Meine Oma war eine kleine Frau. 1,48 Meter, aber an ihrer Pfaff war sie eine der Größten. In den 50er Jahren verdiente sie mit Nähen das Geld für sich und die Kinder. Wenn ich an sie denke, dann wie ihre Füße auf dem Fußantrieb paddeln und die Nähmaschine rattert.

Meist war es lustig, wenn Oma aus dem Nähkästchen über die Änderungswünsche ihrer Kundinnen plauderte. Eine Nähmaschine ersetzte auf dem Land den Besuch im Kaufhaus. Mit Hilfe der Näherin war Frau in den 50er-Jahren dennoch schick gekleidet.

Modefotos in Magazinen und Kostüme in Filmen wurden studiert, in Schnittmuster umgesetzt und nachgeschneidert – es war die Zeit der Zeitschrift „Burda Moden“. Dank Nähmaschine hatten viele Frauen auf diese Weise ihren Modesalon.

Meine Oma war in dem kleinen Dorf ein Teil davon. Bei ihr lagerten all die Accessoires wie Knöpfe, Garne und Schnallen, Haken und Ösen, verpackt in Dosen und Marmelade-Gläsern. Für uns wurde es nur zur Karnevalszeit spannend, wenn wir Kostüme brauchten – 1974 waren es Frau Antje aus der Käse-Werbung, Zigeunerin und Hase. Am Abend vorher war aber nichts fertig. So schliefen wir mit dem Blick auf ihre paddelnden Füße und dem Versprechen ein, das „pfaffen wir schon“. Das war ihr Satz, wenn das Kleid der Nachbarin zu eng oder die Haushaltskasse leer war. Oma pfaffte alles – auch unsere Kostüme.

1953 gehörte eine Nähmaschine zur Haushaltsaussteuer einer Frau. Die Pfaff meiner Oma war eine schwarze Maschine mit Schwungrad, ein Metallgestell auf dem eine Holzplatte lag und worauf die Maschine stand. Jahre später kaufte sie sich eine elektrische Koffer-Nähmaschine.

Die Nähmaschine kam 1854 aus Amerika nach Deutschland. Seitdem eroberte sie die Wohnungen. 1862 konstruiert der Blasinstrumentenmacher Georg Michael Pfaff seine erste Nähmaschine. 1891 produzierten 400 Arbeiter 25 000 Maschinen im Jahr. Die Erfindung der Nähmaschine war eine Revolution: Eine Handnäherin kam auf 50 Stiche pro Stunde, Maschinennäherinnen schafften bis zu 600, Spitzenkräfte 1000 Stiche.

Der Clou bei Nähmaschinen: Der Nadelfaden muss, wenn die Nadel den Stoff durchstochen hat und wieder heraustreten will, auf der Unterseite des Stoffes eine Schlinge bilden. Damit es eine Naht wird, muss durch die Schlinge ein zweiter Faden gezogen werden, der verhindert, dass die Schlinge herausgezogen wird. Ein Greifer hilft, dass der Faden nicht herausgezogen wird, ein Stoffschieber legt Stoff nach. An dem Prinzip hat sich nichts geändert. Funktionen wie stopfen, sticken, Knopflochnähen kamen später hinzu.

Pfaff konnte sich dem Abstieg der Nähmaschine nicht entziehen. Er begann vor 30 Jahren: Billige Modeketten und die wachsende Zahl berufstätiger Frauen sorgten dafür. Wer sich eine Nähmaschine leistet, kauft ein Billigprodukt aus Asien – dort surren sie nun in vielen Hinterhöfen.

Von Martina Wewetzer

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