Torpedo-Dreigangschaltung mit Rücktrittbremse machte das Radfahren einfacher

Saubere Finger garantiert

Es war lila. Mit Glitzer. Anfangs wurde ich wegen ihm gehänselt, Jahre später habe ich einen ganzen Nachmittag um es geweint: Mein Fahrrad mit Torpedo-Dreigangschaltung und Rücktrittbremse.

Die Schalt-Konstruktion des Schweinfurter Unternehmens Fichtel und Sachs war der Verkaufsschlager der 1950er- und 60er-Jahre. Erfunden wurde die erste Nabenschaltung mit mehreren Gängen bereits 1903 vom schwäbischen Mechaniker Ernst Sachs, der mit dem Kaufmann Karl Fichtel das spätere Weltunternehmen gründete.

Zum Erfolg avancierte sie aber erst, als Sachs die Kombination mit der Rücktrittbremse gelang. Mit einem Gang für den Berg, einem für flaches Gelände und einem für das Abwärtsradeln machte sie das Radfahren weniger kraftaufwändig und sicher. Zu einem hohen Preis: Etwa 150 D-Mark kostete ein Rad mit Torpedo-Dreigangschaltung, dafür musste ein Fabrikarbeiter sieben Wochen arbeiten.

50 Millionen Torpedo-Naben verließen bis Ende der 60er-Jahre das Schweinfurter Werk, in dem in Spitzenzeiten 2600 Mitarbeiter beschäftigt waren. Bernhard Rohloff, Ingenieur für Fahrradantriebstechnik aus Fuldatal, erklärt: „Anfang der 70er-Jahre wurde die Torpedo-Schaltung von italienischen Rennrädern verdrängt, die Kettenschaltungen mit bis zu zehn Gängen hatten und damit sportlicher wirkten.“ Die Torpedo-Schaltung ist dennoch nicht vom Markt verschwunden, auch wenn Fichtel und Sachs im Jahr 1997 von dem amerikanischen Unternehmen Sram übernommen wurde. „Verbaut wird sie allerdings nur noch im asiatischen Markt oder bei preiswerten Kinder- oder Tante-Emma-Rädern, die für Stadtfahrten genutzt werden“, sagt Rohloff.

Mein Fahrrad zählt in diese Kategorie, denn ich habe es mir erst 1994 von den Geldgeschenken zu meiner Erstkommunion gekauft. Mein Vater hatte es ausgesucht. Ihm war die robuste Verarbeitung wichtig – Torpedo-Naben verrichten ihren Dienst jahrezehntelang ohne Wartung. Und die doppelte Sicherheit durch die Kombination von Lenkrad- und Rücktrittbremse. Meine Freunde hingegen fuhren längst mit 24-gängigen Kettenschaltungen und lachten über meine altmodisch wirkende Errungenschaft. Schneller den Berg hinauf kamen sie trotzdem nicht – ich nahm die Frotzeleien als Ansporn und legte mich ordentlich ins Zeug. Wenn ihre Kette beim Schalten absprang und sie mit ölverschmierten Fingern an der Schule ankamen, freute ich mich heimlich. Bei Nabenschaltungen sind saubere Hände garantiert, weil die Kette nicht abspringt (Hintergrund).

Ihre Bezeichnung erhielt die Dreigangschaltung vom Erfinder. Der Name Torpedo war seit dem russisch-japanischen Krieg (1904-1905) als Unterwasser-Wunderwaffe bekannt. Auch Ernst Sachs Technik sollte derart in Erinnerung bleiben.

Die Zeit mit meinem Radel endete abrupt: Meine Mutter erzählt heute noch davon, dass ihre 21-jährige Tochter anrief und schluchzte wie ein Kleinkind – wegen eines zwölf Jahre alten Fahrrads mit drei Gängen, das aus dem Keller der Studentenbude gestohlen worden war.

Von Sonja Broy

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