Heute ein Sammlerstück

Produkte von einst: Der Rechenschieber begeisterte Wissenschaftler

Fast wäre ich ihm entgangen, in den 70er Jahren im Gymnasium. Aber ich bin ihm nicht entkommen, der Umgang mit dem Rechenschieber stand auf dem Lehrplan. Architekten hatten mit ihm das Empire State Building in New York berechnet, Konstrukteure die Boing 707.

Wie sie das geschafft hatten, war mir ein Rätsel - mein Verhältnis zu dem Plastikstab war mit zwei Worten beschrieben: Blanker Hass.

Mein Vater half. Als Ingenieur verschob er die beweglichen Skalen mit einer Selbstverständlichkeit, die ich ihm nur verzieh, weil er stets mein Retter war, wenn ich mich in den Fallstricken der Mathematik verheddert hatte. Als der Rechenschieber vom Taschenrechner verdrängt wurde, weinte ich ihm nicht nach.

Dabei war er Jahrhunderte alt. Der schottische Mathematiker John Napier und der Schweizer Uhrmacher Jost Bürgi hatten ihn im 17. Jahrhundert den Weg bereitet, als sie das Zahlensystem entwickelten, das fortan Wissenschaftlern das Leben erleichterte und Schülern den Schweiß auf die Stirn trieb: Die Logarithmen (Kasten).

Der englische Geistliche William Oughtred legte 1622 zwei dieser Skalen nebeneinander - der Rechenschieber war geboren. Doch erst der französische Artillerieleutnant Amédéé Mannheim machte das verbesserte Recheninstrument 1850 populär, als er vier wichtige Skalen aussuchte und einen verschiebbaren Läufer hinzufügte, der beim Ablesen half.

Mit der Zeit übernahmen Ingenieure, Chemiker und Astronomen das Modell. Es gab Spezialausführungen, mit denen Kerntechniker Zerfallskonstanten berechnen konnten und Chemiker das Gewicht von Molekülen.

Bis zu zwölf Skalen hatten Rechenschieber auf jeder Seite. Sogar bei den Apollo-Missionen der amerikanischen Raumfahrt waren Rechenschieber für alle Fälle an Bord. Noch in den 60er Jahren gehörte der Gebrauch von Rechenschiebern zur Ingenieurausbildung. Einfache Schulmodelle kosteten etwa 13 Mark, teure rund 120 Mark. Edelausführungen bestanden aus Mahagoni oder sogar Elfenbein.

Doch Standardgeräte waren nur bis zu drei Ziffern genau. Außerdem musste man die Dezimalkommastelle im Kopf behalten: Die Ziffernfolge 123 konnte 1,23 bedeuten, 123 oder 0,00123. Die Totenglocke begann für den Rechenschieber 1963 zu läuten. Robert Ragen baute einen elektronischen Rechner, der Ergebnisse mit zwölfstelliger Genauigkeit lieferte. Viele Werte ermittelte er - mit dem Rechenschieber. 1972 brachte Hewlett-Packard den ersten wissenschaftlichen Taschenrechner heraus. Andere Hersteller folgten. Alle großen Hersteller, wie Aristo, Faber-Castell, Pickett und Keuffel & Esser gaben in den 70er Jahren den Rechenschieber auf. Über 40 Millionen Stück hatten sie hergestellt. Doch der Rechenschieber lebt weiter, in Schubladen und auf Sammlerbörsen. Für seltene Stücke werden bis zu sechsstellige Summen gezahlt - vor dem Komma.

Hintergrund: Rechnen mit Logarithmen

Der Logarithmus ist der Wert, mit dem man eine bestimmte Basiszahl potenzieren muss, um ein vorgegebenes Ergebnis zu erhalten. Als Basiszahl wird häufig 10 verwendet. Ein Beispiel hierzu: Der Logarithmus von 1000 ist 3, denn 103 = 1000. Der Logarithmus von16 bei der Basis 2 ist 4, denn 24=16. Wenn man Logarithmen benutzt, wird aus multiplizieren addieren, aus dividieren wird substrahieren. Aus wurzelziehen wird dividieren. .Rechenschieber stellen die Logarithmus-Werte auf Skalen als Strecken da. Wer etwa multiplizieren will, reiht durch Verschieben einer Skala zwei Strecken aneinander. (wll)

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