Rendezvous in sieben Minuten: Speeddating für Arbeitslose

Kassel. Georg Schmidt* ist zu früh dran. „Ich will mal bei den anderen gucken, was man in den Gesichtern lesen kann“, sagt der 60-Jährige, und lässt seinen Blick durch den Gartensaal der Kasseler Orangerie schweifen. Er ist hier zu mehreren Rendezvous eingeladen – mit potenziellen Arbeitgebern.

Zwölf Unternehmen, 90 Bewerber, sieben Minuten Zeit: Das sind die Eckdaten beim ersten Job-Speeddating des Trägerverbunds berufliche Weiterentwicklung TBW. Arbeitgeber aus Einzelhandel, Dienstleistung sowie Elektro- und Metallindustrie treffen hier auf Arbeitslose zwischen 30 und 60 Jahren. Einige sind wenige Monate ohne Job, andere seit Jahren. Findet ein Unternehmen nach dem Sieben-Minuten-Gespräch Gefallen am Bewerber, wird ein Folgetermin vereinbart.

Die Unternehmen erhoffen sich viele Kontakte in kurzer Zeit. Der TBW will die Hemmschwelle in den Gesprächen senken, ohne einschüchternde Büros und Wartezeiten. Zuvor hatten die 90 Bewerber, die von den Jobcentern Kassel Stadt und Land zum TBW kommen, ein halbes Jahr Bewerbungstraining erhalten.

„Man hat sich viel Mühe mit uns gegeben, viel vermittelt“, sagt Schmidt und lächelt. Er hält seine Bewerbungsmappen fest in der Hand, sein erstes Speeddate steht an. Der 60-Jährige erzählt von seiner Erfahrung als Versicherungskaufmann, stellt Fragen zum Unternehmen. Nach sieben Minuten ein Tröten, Wechsel zum nächsten Firmentisch.

Ein reges Murmeln erfüllt den Raum. Bewerber in Lederweste sitzen neben Arbeitssuchenden in Nadelstreifen, Mappen werden vorgelegt, Listen abgehakt. „Die Leute gehen sehr offen auf die Unternehmer zu“, sagt Klemens Diezemann vom Verband der Metall- und Elektro-Unternehmen. „Alle treten sehr professionell auf, perfekt angezogen und vorbereitet.“

Georg Schmidt hatte bei seinen ersten Terminen noch kein Glück. „Viele Teilzeitstellen – aber die helfen kaum mit den Rechnungen“, sagt der 60-Jährige. „Egal, weiter.“ In den Pausen unterhält er sich mit anderen Bewerbern, erzählt von den Uni-Karrieren seiner beiden Söhne und seinen Reisen nach Australien, Malaysia, Russland. „Wenn man echte Armut gesehen hat, verliert man nicht mehr so schnell den Boden unter den Füßen.“

Seine Stelle verlor Schmidt vor einem halben Jahr. „Meine Firma hat die Filiale zugemacht. Ich hätte weit weggehen, mein Umfeld zurücklassen müssen“, sagt der gebürtige Bayer, der seit 40 Jahren in Kassel lebt. „Und es gab Ärger um ausbleibenden Lohn.“

Am Ende stand er ohne Job und Geld da. „Ich dachte: Egal, weiter, und hab Bewerbungen losgeschickt.“ Doch auf dem Papier sähen die Firmen nur sein Alter und lehnten ab. „Hier kann man den Leuten in die Augen schauen.“

Nach drei Stunden sind 35 von 90 Bewerbern zu Folgegesprächen eingeladen. „Es ist super gelaufen“, sagt TBW-Chef Dirk Schöttelndreier, „tolle Bewerber, tolle Quote.“ Georg Schmidt geht ohne Einladung nach Hause. „Macht nichts. Ich hab noch mehr Bewerbungen laufen“, sagt der 60-Jährige. „Ich hab immerhin mal gesehen, wie die Unternehmer überhaupt ticken. Jedes Gespräch, jede Bewerbung bringt mich ein Stück weiter.“

* Name von der Redaktion geändert

Von Simon Neutze

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