SMA-Vorstandssprecher Urbon: „Nordhessen kann Vorreiterrolle spielen"

SMA-Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon: „Nordhessen kann Vorreiterrolle spielen"

Niestetal. Der Solartechnik-Hersteller SMA in Niestetal (Kreis Kassel) will Nordhessen zur Musterregion bei den erneuerbaren Energien entwickeln. Darüber und über das sehr kontrovers diskutierte Thema Zeitarbeit sprachen wir mit Vorstandssprecher Pierre-Pascal Urbon.

Herr Urbon, SMA trennt sich bis Ende November von 1000 Zeitarbeitern. Viele Betroffene machen ihrem Unmut auf HNA-online mit zum Teil drastischen Worten Luft. Haben Sie dafür Verständnis?

Pierre-Pascal Urbon: Auch wir sind nicht glücklich über die Nachricht. Selbstverständlich hätten wir uns gewünscht, die 1000 Zeitarbeitnehmer weiter an Bord behalten zu können. Aber die aktuelle Marktlage ließ uns keine andere Möglichkeit.

Wie kommt es zu der neuen Markteinschätzung?

Urbon: Bereits im ersten Halbjahr verzeichneten wir statt der gewohnt zweistelligen Zuwachsraten der Vorjahre einen rückläufigen Weltmarkt. Aufgrund der verbesserten Rahmenbedingungen für die Fotovoltaik erwarteten wir jedoch nach der Urlaubszeit in Europa einen sprunghaften Anstieg der Nachfrage. Der Boom blieb dann aber mit einer nur geringen Nachfrageerhöhung Anfang September aus. Auch in den Gesprächen mit rund 600 Handwerkern aus dem gesamten Bundesgebiet bei einer Veranstaltung von SMA vor gut zwei Wochen haben wir keine Signale für eine deutliche Nachfragebelebung bekommen.

Auf Basis dieser neuen Informationen haben wir unsere Einschätzung für das laufende Geschäftsjahr und unsere Prognose angepasst. Dabei haben wir auch den bevorstehenden Winter mit einem traditionell schwachen Geschäftsverlauf berücksichtigt.

Warum beschäftigten Sie so viele Zeitarbeiter?

Urbon: Unser Geschäft ist extrem saisonabhängig. In starken Sommer- und Herbstmonaten verkaufen wir bis zu vier Mal mehr Wechselrichter als in schwachen Wintermonaten. Da wir nur auf Bestellung liefern, müssen wir die Produktion immer wieder innerhalb kurzer Zeit anpassen. Das ist eine sehr große Herausforderung für SMA, aber auch für unsere Zulieferer. Daher brauchen wir die Zeitarbeit als Flexibilisierungsinstrument. Ohne sie hätte SMA niemals das starke Wachstum der vergangenen Jahre erzielen können.

Warum übernehmen Sie die Zeitarbeiter nicht, wenn Sie sie doch brauchen?

Urbon: Das tun wir. In den vergangenen 18 Monaten haben wir 600 Zeitarbeitnehmer in feste Beschäftigungsverhältnisse übernommen und werden das auch in Zukunft tun, wenn wir ein nachhaltig hohes Nachfrageniveau erwarten. Wir sind jedoch von der Entwicklung des Weltmarkts abhängig und müssen uns deshalb auch in Zukunft flexibel aufstellen.

30 Jahre SMA

Sind denn auch feste Stellen bedroht?

Urbon: Nein, da sehe ich überhaupt keine Gefahr.

Sie wollen die Kosten für Wechselrichter um bis zu 50 Prozent senken. Wie wollen Sie das erreichen?

Urbon: Über technologische Innovationen sowie die weitere Optimierung der Produktions- und Testprozesse. Dafür werden wir unter anderem den Bereich Forschung und Entwicklung, in dem aktuell rund 1000 Mitarbeiter tätig sind, weiter ausbauen.

Halten Sie an den Plänen zum Ausbau des Sandershäuser Berges an der A7 fest?

Urbon: Die Investition am Sandershäuser Berg gibt uns erstmals die Möglichkeit, unsere bisher auf mehrere Standorte verteilten Service-Aktivitäten an einer Stelle zu bündeln. Das ist für uns ein riesiger Effizienzfortschritt. Bei Bedarf können wir in der neuen Halle auch eine Produktion aufbauen - auf diese flexible Nutzungsmöglichkeit haben wir bereits bei der Konzeption des neuen Gebäudes geachtet. Für uns ist der Sandershäuser Berg eine wichtige Investition in die Zukunft. Unsere Pläne haben sich nicht geändert.

Wie geht es weiter bei SMA?

Urbon: Insgesamt ist SMA ausgezeichnet im Solarmarkt positioniert. Wir konnten den weltweiten Marktanteil sogar leicht ausbauen. Wir werden deshalb von den langfristig positiven Perspektiven der Fotovoltaik profitieren. Mittelfristig, das heißt insbesondere für das nächste Jahr, stellen wir uns allerdings auf nur moderates Wachstum ein und können auch eine Stagnation nicht ausschließen.

Welche Veränderungen wünschen Sie sich in der Region?

Urbon: Vor allem den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien. Dies hat strategische Bedeutung für die Region Nordhessen. Die zentrale Energieversorgung aus Großkraftwerken ist Geschichte. Die Zukunft gehört der Dezentralität. In diesem Bereich haben wir viel Erfahrung und Wissen in der Region. Nordhessen kann hier eine Vorreiterrolle spielen und zur Musterregion für die Energiewende werden.

Was kann der Förderverein Pro Nordhessen dazu beitragen?

Urbon: Er sollte die erneuerbaren Energien als Schwerpunktthema aufnehmen mit dem Ziel, die Zulieferindustrie hierher zu locken. Daran haben wir bei SMA ein großes Interesse. Davon profitieren würde aber auch die gesamte Region - durch neue Jobs, Zuzug von Menschen und Technologie-Ansiedlung.

Wo rekrutieren Sie neue Fachkräfte?

Urbon: In erster Linie in Kassel. Die Universität, die im Bereich der Erneuerbaren sehr weit ist, bildet viele gute Ingenieure aus. Darüber hinaus suchen wir bundesweit über ein gezieltes Hochschul-Marketing. Als ausgezeichneter Arbeitgeber in einer attraktiven Branche sind wir für Bewerber sehr interessant.

Welchen Eindruck hatten Sie, als Sie aus Frankfurt nach Kassel kamen?

Urbon: Es war schon eine große Veränderung. Aber heute kann ich sagen: Wir, meine Familie und ich, fühlen uns hier sehr wohl. Kulturell spielt Kassel mit dem Staatstheater, der documenta und den vielen Museen in der ersten Bundesliga. Hinzu kommt das tolle Umland mit seiner herrlichen Landschaft.

Was halten Sie vom neuen Flughafen?

Urbon: Für eine Region wie Kassel ist er schon wichtig. Für SMA spielt er aber eine untergeordnete Rolle. Denn wenn wir geschäftlich fliegen, handelt es sich zumeist um Fernreisen von Frankfurt aus, und dahin fahren wir mit dem ICE. Die Anbindung Kassels ist jetzt schon hervorragend.

Das Gespräch führten Harold Grönke, Horst Seidenfaden, Jan Schlüter, José Pinto und Ulrich Hagemeier.

Zur Person: Pierre-Pascal Urbon

Der Manager kam vor sechs Jahren zu SMA. Seit 2006 sitzt der 40-jährige Betriebswirt im Vorstand des Unternehmens, seit 2009 leitet er das Finanzressort. Seit Mai 2011 ist er Vorstandssprecher und damit Nachfolger von Mitgründer Günther Cramer. Urbon, der in Bielefeld geboren wurde, hat den Börsengang 2008 maßgeblich vorbereitet und die Internationalisierung von SMA k vorangetrieben. Unter seiner Verantwortung stieg der Exportanteil von 20 auf derzeit mehr als 50 Prozent. Vor dem Wechsel zu SMA war Urbon beim Frankfurter Beratungsunternehmen Drueker & Co tätig, für den er unter anderem den Verkauf von Teilen des einstigen IWKA-Konzerns (heute Kuka, Augsburg) und den Börsengang des hannoverschen IT- und Hardware-Spezialisten Höft & Wessel abwickelte. Der erfahrene Finanzfachmann gilt als Teamarbeiter, der die Tradition der kooperativen Unternehmensführung im Sinne der Gründer und heutigen Aufsichtsräte fortsetzt. Der verheiratete Vater zweier Kinder entspannt vor allem beim Golfen. (jop)

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