MPG-Chef Stratmann

Soziale Medien ändern Wahrnehmung von Forschung

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Durch Meinungsblasen der sozialen Medien werde Wissenschaft als solche oft in Frage gestellt, sagte der MPG-Präsident Martin Stratmann. Foto: Axel Griesch/Max-Planck-Gesellschaft/dpa

Der Blick der Öffentlichkeit auf wissenschaftliche Ergebnisse wird von der Politik mitunter erheblich beeinflusst, sagt der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft. "Dem Ruf der Wissenschaft können solche politischen Dispute enorm schaden."

München (dpa) - Soziale Medien verändern die Wahrnehmung von Wissenschaft in der Bevölkerung. Dabei gebe es negative Entwicklungen ebenso wie positive, sagte der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft (MPG), Martin Stratmann, im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

Eine Ursache für Glaubwürdigkeitsprobleme der Wissenschaft sieht er in der Instrumentalisierung von Forschungsergebnissen in politischen Diskursen. Gegenüber jungen Wissenschaftlern mahnt Stratmann Ehrlichkeit der Forschergemeinde selbst an: Nur ein winziger Bruchteil der Studierenden erreiche letztlich eine Professorenstelle. Das müsse klar kommuniziert werden.

Wie beeinflussen soziale Medien die Wahrnehmung von Wissenschaft in der Gesellschaft?

Martin Stratmann: Die sozialen Medien verstärken die Empörung, das sieht man bei emotional aufgeladenen Themen wie Tierversuchen. Solche Dinge finden rasant Verbreitung in sozialen Netzen - auch ungeachtet ihres Wahrheitsgehalts. Wir merken zudem, dass sich in den Netzwerken immer wieder Meinungsblasen bilden, wo Risiken wissenschaftlicher Forschung einseitig diskutiert werden und Wissenschaft als solche in Frage gestellt wird. Das sind sich selbstverstärkende Meinungsblasen, die es früher mit dieser Reichweite nicht gegeben hat.

Man muss aber ganz klar auch das Positive sehen: Es gibt viele Menschen, die sich in sozialen Medien für die Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse einsetzen und das mit enormem Erfolg und einer Zahl von Followern, die weit größer ist als die mancher Publikations-Journale. Da werden immens viele Menschen erreicht und begeistert von Themen wie beispielsweise den Gravitationswellen.

Warum hat die Wissenschaft in manchen Bereichen so ein großes Glaubwürdigkeitsproblem?

Stratmann: Die Wissenschaft selbst ist immer auf der Suche nach der Wahrheit. Es ist ein Fakt, dass es den Klimawandel gibt, darüber brauchen wir nicht zu diskutieren. Probleme entstehen, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse instrumentalisiert werden für einen Diskurs, der ein rein politischer ist. Die Wissenschaft hat es oft schwer, in solchen politischen Disputen noch Gehör zu finden. Zumal es nie absolute, in Stein gemeißelte Wahrheiten gibt. Jede neue Erkenntnis in der Wissenschaft führt auch zu neuen Fragen. Politisch lässt sich das missbrauchen, um grundsätzliche Zweifel zu schüren. Dem Ruf der Wissenschaft können solche politischen Dispute enorm schaden.

Was sollte einem jungen Menschen klar sein, der Wissenschaft toll findet und in dem Bereich studieren möchte?

Stratmann: Das Hauptproblem ist, dass viele junge Menschen, die sich auf den Weg in die Wissenschaft machen, meinen, dass sie am Ende eine Professur erreichen. Dem Großteil muss man fairerweise früh klar machen: Das ist nicht dein Weg. Es hat vielfach gar keinen Sinn, sich bis zum Alter von 45 Jahren mit Zeitverträgen durchzuhangeln und dann festzustellen, dass es doch nichts wird mit der erhofften Professur. Nur etwa zwei Prozent aller Doktoranden erreichen am Ende eine Professorenstelle.

Die Vorstellung vieler vom Berufsbild "Wissenschaftler" ist also falsch?

Stratmann: Ja, man muss da differenzieren: Man kann Physiker werden und wird trotzdem nicht Professor, sondern geht in ein Unternehmen. Da gibt es verschiedenste wissenschaftsnahe Berufe, die auch hochinteressant sind, die gut bezahlt sind und von denen es eine Menge gibt in Deutschland, vor allem im Bereich der Naturwissenschaften.

Etwa neun von zehn Doktoranden gehen in Berufe jenseits der Wissenschaft. Diese Menschen haben Eigenschaften erlernt, die hochgeschätzt werden in Unternehmen. Bei einem Postdoktoranden (eine befristete Anstellung nach dem Doktorgrad) kommt dann noch Lebenserfahrung hinzu. Denn man geht dafür meist ins Ausland, hat sich Sprachkompetenz angeeignet und eine andere Kultur kennengelernt.

Was ist das Wichtigste für eine Karriere bis zur Professur?

Stratmann: Wissenschaftler zu werden, zum Fortschritt der Wissenschaft beitragen zu wollen, für diesen Weg sehe ich Kreativität als entscheidend an. Wenn man sie hat, will man diesen Weg ohnehin unbedingt gehen, weil man seine Ideen verwirklichen will. Wenn man sie nicht hat, ist man als Wissenschaftler im engeren Sinne wahrscheinlich auch fehl am Platz.

Welche Forschungsbereiche werden in den nächsten Jahren zünden?

Stratmann: Mit Aussagen dazu ist die Chance groß, danebenzuliegen. Das ist letztlich oft eine Überraschung. Generell sehe ich aber drei große Trends. Die Computer-Sciences, dort passiert gerade enorm viel, beispielsweise auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz. Auch Privatsphäre und Sicherheit spielen da eine große Rolle. Als zweiten Punkt erwarte ich mir viel von der Weiterentwicklung der Gen-Schere Crispr-Cas.

Und zum dritten erwarte ich, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten sehr viel passieren wird im Gebiet der Gravitationswellen-Physik. Nachdem diese Wellen nun tatsächlich entdeckt wurden, hat man ein ganz neues Werkzeug zur Hand - wir können jetzt auch die dunkle Seite des Universums erforschen. Beim Wissen über das Universum erwarte ich daher große Durchbrüche.

Zur Person: Prof. Dr. Martin Stratmann, geboren am 20. April 1954 in Essen, ist Chemiker und hat unter anderem in den USA geforscht. Seit Juni 2014 ist er Präsident der Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (MPG), einer der führenden deutschen Institutionen im Bereich der Grundlagenforschung.

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