Prof. Möller: Flexibilität in den Betrieben und Kurzarbeitergeld haben in der Krise viele Jobs gerettet

Flexibilität und Kurzarbeitergeld haben Deutschland in der Krise viele Jobs gerettet

Während im Krisenjahr 2009 die Arbeitslosenraten in vielen europäischen Staaten in die Höhe schnellten, stiegen sie in Deutschland trotz eines wirtschaftlichen Einbruchs kaum. Im April zog die Nachfrage nach Arbeitskräften deutlich an. Über die Gründe sprachen wird mit Prof. Joachim Möller.

Herr Professor Möller, rein rechnerisch hätte der fünfprozentige Wirtschaftseinbruch im vergangenen Jahr 1,8 Millionen Jobs kosten müssen. Tatsächlich stieg die die Zahl der Arbeitslosen aber um nur 150 000. Was sind die Gründe für das deutsche Jobwunder?

Prof. Möller: Die deutschen Betriebe sind Weltmeister in der internen Flexibilität. Dazu gehören flexible Arbeitszeiten, Arbeitzeitkonten und Beschäftigungsbündnisse, die geholfen haben, die Krise zu meistern. Dies zeigt auch, dass die Sozialpartnerschaft in Deutschland gut funktioniert.

Heißt dies, dass das viel gelobte Kurzarbeitergeld daran keinen Anteil hatte?

Zur Person

Prof. Joachim Möller ist seit 2007 Direktor des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Gleichzeitig lehrt der 57-Jährige Volkswirtschaft an der Universität Regensburg. In Fachkreisen ist der gebürtige Lüneburger, der unter anderem in Tübingen und Konstanz Volkswirtschaftslehre und Sozialwissenschaften studierte, durch zahlreiche Publikationen zu Arbeitsmarkt, Mindestlöhnen und Erwerbslosigkeit bekannt. Möller ist verheiratet, hat drei Kinder und spielt in seiner Freizeit Bass in einer Rockband. (jop)

Möller: Nein, das heißt es natürlich nicht. Das Kurzarbeitergeld hat rein rechnerisch bis zu 400 000 Vollarbeitsplätze gerettet. Arbeitszeitkonten und Abbau von Überstunden haben nochmals etwa eine halbe Mio. Jobs gesichert. Aber ein noch stärkerer Grund für die die recht stabile Lage am Arbeitsmarkt ist, dass die Stundenproduktivität in Deutschlands erstmals seit Jahrzehnten gesunken ist und zwar um zwei Prozent. Das heißt, die Betriebe haben die Mitarbeiter gehalten, obwohl sie sie nicht brauchten. Das ist auch für uns ein Phänomen, das es so in vorangegangenen Krisen nicht gab. Viele Arbeitsmarktexperten aus dem Ausland kommen zu uns, um zu sehen, wie wir mit den Problemen umgegangen sind.

Warum leisten sich Unternehmen die personellen Überhänge? Das kostet doch Geld.

Prof. Joachim Möller

Möller: Weil sie an den Wiederaufschwung geglaubt haben. Und in der aktuellen Phase hätten sie Stellen schaffen müssen, die sie zuvor abgebaut haben. Das hätte viel Geld und auch Zeit für Personalrekrutierung und Einarbeitung gekostet. So können die Unternehmen den Aufschwung von der ersten Stunde an mitnehmen.

Aber der Rückgang der Produktivität muss wieder aufgeholt werden. Der geht doch voll zulasten der Renditen.

Möller: Richtig. Im Zuge der Normalisierung der Auftragseingänge und der besseren Auslastung der Produktionen werden die bislang ungenutzten oder wenig genutzten Arbeitskräfte wieder voll eingesetzt. Und derzeit weisen alle Indikatoren darauf hin, dass sich die Wirtschaft erholt.

Was bedeutet das für den Arbeitsmarkt?

Möller: Das bedeutet, das wir in diesem Jahr trotz Konjunkturerholung einen leichten Anstieg der Arbeitslosenzahlen auf 3,5 Mio. und in den kommenden zwei Jahren eine Stagnation erwarten. Die Amerikaner nennen dies „jobless growth“ - Wachstum ohne zusätzliche Jobs. Das ist der Wermutstropfen bei dieser am Ende für den Arbeitsmarkt doch glimpflich verlaufenen Krise.

Vor der Krise war allenthalben vom Fachkräftemangel die Rede. Ist das ein Thema für die überschaubare Zukunft?

Möller: Ja, natürlich. Ich denke, der Arbeitskräftebedarf wird in der Summe nicht erheblich zurückgehen. Und es ist klar, dass die geburtenschwachen Jahrgänge quantitativ nicht in der Lage sein werden, die starken Jahrgänge der heute 40- bis 50-Jährigen zu ersetzen, wenn sie ausscheiden.

Kurzarbeit 2009
Im vergangenen Jahr arbeiteten in der Spitze 1,5 Millionen Beschäftigte kurz. Die Kosten für dieses arbeitsmarktpolitische Instrument von insgesamt rund 12,2 Milliarden Euro teilten sich nach Berechnungen der Bundesagentur für Arbeit folgendermaßen auf: Auf die Bundesagentur entfielen fünf Mrd. Euro. Die Unternehmen kostete die Kurzarbeit durch Sozialabgaben und teilweise Aufstockung der Löhne 4,6 Mrd. Euro.

Was ist dagegen zu tun? Wir müssen die jungen Menschen besser qualifizieren. Zu viele von ihnen sind nicht genügend aufs Berufsleben vorbereitet. Das hat nicht nur mit Schulen, sondern auch mit Elternhäusern zu tun. Weiteres Potenzial sehen wir bei Frauen, deren Beschäftigungsquote im Vergleich zu anderen Ländern zu niedrig ist. Das hängt auch mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie und entsprechenden Betreuungsangeboten zusammen.

Von José Pinto

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