Anlagenbauer Ruhstrat kann sich vor Arbeit kaum retten - und baut neues Werk

Spezialöfen für die Welt

Lenglern. Sie versehen ihren Dienst unter schwierigsten Bedingungen in chemischen und petrochemischen Anlagen in aller Welt, härten Hochleistungssägebänder und Rasierklingen und kommen bei der technisch sehr aufwändigen Herstellung von Kohlefasern zum Einsatz: die Hochtemperaturöfen der Ruhstrat GmbH in Lenglern - unweit von Göttingen.

Bis zu 3000 Grad Hitze können die bis zu 40 Meter langen, 65 Tonnen schweren und acht Millionen Euro teuren Anlagen erzeugen und sind damit Weltspitze.

„Wir sind der Technologieführer auf dem Gebiet“, sagt Marketing-Leiter des familiengeführten Traditionunternehmens Andreas Möbus. Der Wettbewerb ist mit je einem japanischen und amerikanischen Konkurrenten überschaubar - zumal Ruhstrat-Öfen für besonders anspruchsvolle Anwendungen die erste Wahl sind. Jede Anlage ist ein auf den Kunden zugeschnittenes Unikat.

Auch bei Spezialtrafos vorn

Aber Ruhstrat sieht sich nicht nur bei Industrie-Öfen weit vorn. Ebenso gefragt sind die Spezialtransformatoren, die etwa in Großkraftwerken und industriellen Anlagen dafür sorgen, dass die Leitzentralen im Notstrombetrieb stets konstante Spannung haben. Das ist vor allem in Atomkraftwerken von außerordentlich großer Bedeutung. Denn selbst ein kurzzeitiger Ausfall der Leittechnik könnte katastrophale Folgen haben.

Die Spezialtrafos, die auch an Forschungslabore und -institute geliefert werden, gehen wie die Industrieöfen in alle Welt. Über alle Bereiche liegt die Exportquote des südniedersächsischen Anlagenbauers bei 60 Prozent. Unlängst lieferte Ruhstrat Sicherheitstechnik unter anderem für zwei in Bau befindliche Atomkraftwerke in Finnland und China. Derzeit baut der Mittelständler Spezialöfen für die USA und Kohlefaseröfen für die Volksrepublik.

Etwa die Hälfte des Umsatzes machen die Spezialisten aus Lenglern mit Industrie-Öfen. 35 Prozent steuern die Transformatoren bei. Der Rest entfällt auf Notbeleuchtungen und Notstromversorgungen für Krankenhäuser, Altenheime und öffentliche Einrichtungen, die bei Stromausfällen einspringen.

23 Millionen Euro setzte Ruhstrat 2010 um und erzielte dabei laut Möbus ein „sehr auskömmliches Ergebnis“. In diesem Jahr soll der Umsatz auf 26 Mio. Euro steigen. „Wir könnten noch mehr verkaufen, aber wir arbeiten an der Kapazitätsgrenze“, erklärt der Marketing-Chef. Der jetzige Firmensitz platzt aus allen Nähten und ist nicht erweiterbar. Aber im Herbst soll alles besser werden. Dann will das Unternehmen seinen neuen Firmensitz im nahen Bovenden beziehen, 15 Mio. Euro sollen dort investiert werden.

Das wird sich auch auf die Beschäftigung auswirken. Derzeit arbeiten 150 Menschen für Ruhstrat. Zehn neue Stellen sind zu besetzen. Das neue Werk ist für 250 Mitarbeiter ausgelegt und kann bei Bedarf auch erweitert werden.

Hintergrund

1888 gründeten die Brüder Adolf und Ernst Ruhstrat das gleichnamige Elektrofachgeschäft in Göttingen. Sechs Jahre darauf erfanden sie in Zusammenarbeit mit dem damaligen Nobelpreisträger Walter Nernst den regulierbaren Schiebewiderstand, was 1896 zum Bau des ersten Hochtemperaturofens für Laborzwecke führte. In den folgenden Jahrzehnten kristallisierten sich zwei Hauptgeschäftsfelder heraus: der Bau von Industrie-Öfen, Spezialtrafos und Notbeleuchtungen einerseits sowie die Haustechnik (Elektro, Heizung, Klima, Sanitär) andererseits.

1960 schließlich wurden die beiden Bereiche gesellschaftsrechtlich getrennt. Die Ruhstrat GmbH siedelt nach Lenglern um. Die heutige Ruhstrat Haus- und Versorgungstechnik GmbH blieb in Göttingen und beschäftigt derzeit rund 150 Mitarbeiter.

Die Ruhstrat GmbH in Lenglern wird in vierter Generation von dem zurückgezogen lebenden Andreas Ruhstrat (42), das Göttinger Unternehmen von Andrea und Sohn Steven Ruhstrat geführt.

Von Jose Pinto

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