Japanische Währung auf Rekordhoch – G7-Staaten beraten über eine Intervention

Starker Yen belastet Export

Der Yen ist am Donnerstag auf ein historisches Hoch gegenüber dem Dollar geklettert. Das gefährdet die Exportwirtschaft des gebeutelten Landes. Japanische Notenbank und G7-Länder prüfen eine internationale Intervention an den Devisenmärkten.

Von José Pinto

Wo steht der Yen aktuell und um wie viel Prozent hat er sich verteuert?

Seit dem Beben vor einer Woche hat er sich gegenüber dem Dollar in der Spitze um fast acht Prozent verteuert. Gestern kostete ein Dollar zeitweise nur noch 76,25 – so wenig wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Später verlor der Yen wieder etwas an Wert. Vor dem Beben mussten für einen Dollar noch 82,76 Yen bezahlt werden.

Was bedeutet das für die starke Exportwirtschaft?

Entweder werden japanische Waren in den USA und in Europa teurer oder die Exporteure halten die Preise in den Importländern stabil, was die Einnahmen in Yen und somit die Gewinne verringert.

Wie ist es zu erklären, dass der Yen trotz der Katastrophe steigt und nicht fällt?

Das liegt laut Prof. Rainer Stöttner, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Kassel, daran, dass viele japanische Anleger ihr international investiertes Geld für den Wiederaufbau ins eigene Land zurückholen. In der Finanzwelt wird dies „Geld repatriieren“ genannt. Dabei tauschen Investoren Dollar- oder Euro-Anlagen in Yen, wodurch die Nachfrage nach der heimischen Währung stark wächst und der Kurs steigt. Das wiederum ruft laut Stöttner auch noch Spekulanten auf den Plan, die in Erwartung eines weiter steigenden Yens den Kurs zusätzlich anheizen.

Was können Japan und die internationale Staatengemeinschaft gegen eine weitere Yen-Aufwertung tun?

Eine Intervention an den Devisenmärkten wird bereits diskutiert. Dabei pumpen eine oder mehrere Notenbanken große Mengen Yen in die Märkte. Durch das Überangebot, so das Kalkül der Notenbanker, sinkt der Kurs.

Wer könnte sich daran beteiligen?

Im Gespräch sind die G7-Länder USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Kanada. Dem Vernehmen nach sollte es gestern abend bereits eine Telefonkonferenz der Finanzmister und Notenbankchefs dieser Staaten geben.

Hat ein starker Yen Vorteile für die japanische Wirtschaft?

Ja. Importe werden günstiger, weil die meisten Waren in Dollar abgerechnet werden. So ist es auch beim Öl und Gas, das Japan in großen Mengen einführt. Und für den Wiederaufbau werden zusätzliche Einfuhren aus dem Euro- und Dollar-Raum nötig sein.

Was bedeutet ein dauerhaft starker Yen für die deutsche Wirtschaft?

Die Vorteile überwiegen. Denn im globalen Wettbewerb mit japanischen Produkten werden Erzeugnisse aus Deutschland vergleichsweise preiswerter.

Zur Person: Prof. Dr. Rainer Stöttner lehrt seit 1994 allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Universität Kassel. Seine Spezialgebiete sind Banken, Versicherungen, Kapitalmärkte und Finanzierungen. Der heute 64-Jährige studierte in Stuttgart und promovierte 1980 in Tübingen, wo er 1988 habilitierte. Stöttner ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. (jop)

Nachgefragt

Beben, Tsunami, Strahlungsgefahr: Japans Konzerne spüren die Folgen der Katastrophe und mussten ihre Produktion bereits einschränken. Die Aktienmärkte weltweit sind dadurch von großen Unsicherheiten gekennzeichnet. Die Entwicklung der Börsen ist derzeit kaum absehbar.

Wie sollten sich Anleger jetzt verhalten, die in japanische Werte investiert haben?

Die wenigen Anleger, die Geld in japanische Aktien gesteckt haben, müssen sich vermutlich darauf einstellen, viel Geld zu verlieren, sagt Lars Labryga, Sprecher und Vorstandsmitglied der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (Sdk). So fielen etwa Toshiba-Aktien seit Freitag in Frankfurt um 29 Prozent auf 2,96 Euro. Sharp-Papiere verbilligten sich um 26 Prozent auf 5,50 Euro. Wer jetzt kauft, gehe ein hohes Risiko ein, da nicht absehbar sei, wann die Kurse wieder steigen, da auch unklar ist, wann die Produktion wieder auf Touren kommt.

Wie sollte man sich grundsätzlich bei Kursstürzen verhalten?

Grundsätzlich gilt bei Kurseinbrüchen, nicht zu lange abzuwarten, sagt Labryga. In Japan könne sich die Situation allerdings anders gestalten, da sich die japanische Wirtschaft mit hoher Wahrscheinlichkeit erhole. Wer auf sein Geld kurzfristig angewiesen ist, sollte derzeit keine Aktien kaufen. (alh)

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