Stopp dem Stress am Arbeitsplatz: Richtig „Nein“ sagen im Job

Über Stress im Job klagen viele wie über schlechtes Wetter – es nervt, ist aber nicht zu ändern. Dabei ist der Stress bei vielen Beschäftigten hausgemacht. Denn einige können einfach nicht Nein sagen.

Dadurch halsen sie sich ständig zu viel auf. Warum vielen ein Nein schlecht über die Lippen kommt, gibt es viele Gründe. Vor allem den einen: negative Gefühle zu vermeiden.

Vicky Helms

„Da sind die Angst vor der Reaktion und der Ablehnung des Gegenübers, die Angst egoistisch zu wirken und Schuldgefühle in Form eines schlechten Gewissens“, sagt Vicky Helms, Coach und Trainerin für persönliche und berufliche Weiterentwicklung in Kaufungen. Aber in den Köpfen der Menschen stünden auch tradierte Überzeugungen wie „als guter Freund macht man das so“ und überhöhte Ansprüche an sich selbst einem Nein häufig im Weg. Und manche Menschen haben schlicht Angst, etwas zu versäumen. Zu einer gesunden Arbeitsweise gehört es aber, Kollegen auch einmal eine Bitte abzuschlagen. „Wenn man Nein sagt, muss man bereit sein, die Konsequenzen wie den Ärger der Kollegen auszuhalten“, sagt Helms. Doch um diese Situation schleichen viele Menschen herum, wie um den heißen Brei.

Keine Zeit für Eigenes

Also bleibt es oftmals bei einem Ja zu jeder Frage. Doch das hat Konsequenzen: Der Schreibtisch wird immer voller, man bekommt immer mehr Arbeit aufgebuckelt, eigene Pläne oder andere Aufgaben werden zurückgestellt.

„Dauerhaft kann dies zur Überlastung führen. Das Aufladen der eigenen Akkus wird verhindert“, sagt Helms. Zudem werde das Selbstwertgefühl auf Dauer angegriffen, wenn man sich immer wieder zu Dingen überreden lasse, die man nicht wirklich möchte. „Letztlich ärgert man sich über sich selbst“, erklärt Helms.

Es gibt jedoch Menschen, die das Gefühl gebraucht zu werden, brauchen und daraus Bestätigung ableiten. „Wichtig ist hier trotzdem, die Balance nicht zu verlieren“, rät Helms.

Ein Nein im Berufsleben wird häufig auch mit Existenzängsten verbunden. „Der Chef könnte mangelnde Kompetenz, Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit ableiten, die Kollegen Sie als nicht hilfsbereit und kollegial, als egoistisch einstufen – mit all den möglichen Folgen wie Karriereknick und Ausgrenzung“, erläutert Helms. „Gerade wenn der Vorgesetzte um die Übernahme einer zusätzlichen Aufgabe bittet, sind sich viele Menschen unsicher, ob sie überhaupt ablehnen dürfen.“

Ein Nein über die Lippen zu bringen, kann man lernen. Hilfreich ist es, sich zunächst eine Bedenkzeit einzuräumen, in der man für sich prüfen kann, ob man die Aufgabe übernehmen möchte. „Welchen Preis muss ich bezahlen: Wie viel Zeit wird es kosten, welche anderen Dinge muss man zurückstellen?“, sagt Helms.

Ich-Aussagen formulieren

Wenn man Nein sagen möchte, sei es wichtig, dem Anliegen des Gegenübers trotzdem mit Wertschätzung zu begegnen. Das heißt, signalisieren, dass man grundsätzlich zu Hilfe bereit ist, aber in diesem Fall ablehnen muss. Helms rät, den eigenen Standpunkt eindeutig zu formulieren und während des Gesprächs bei sich zu bleiben: „Bleiben Sie in der eigenen Perspektive, verwenden Sie Ich-Aussagen. Und: Eine Bitte kann und darf man jederzeit –wie ein Geschenk auch – zurückgeben“, sagt Helms.

Andere wichtige Punkte für solche Gespräche unter Kollegen oder mit Vorgesetzten sind: das Nein sachlich zu begründen, ohne in die Haltung zu verfallen, sich zu rechtfertigen, und auch Alternativen aufzuzeigen, zum Beispiel zu einem späteren Zeitpunkt behilflich zu sein oder Aufgaben aufzuteilen.

Grundsätzlich erleichtert es das Miteinander im Job, wenn Aufgaben klar definiert und delegiert sind. „Der Teamgedanke, die gegenseitige Unterstützung bilden die Basis. In einem starken Team trägt jeder zuerst jedoch die Verantwortung für den eigenen Bereich, eine Übergabe von Aufgaben sollte eine Ausnahme bleiben. Wenn die Verteilung sich längerfristig als schwierig erweist, muss dies offen gelegt und müssen die Gründe analysiert werden“, sagt Helms.

Von Helga Kristina Kothe

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