Deutschland profitiert

Strom aus russischen Atombomben

Berlin - In Deutschlands Atomkraftwerken wird offenbar bis heute in riesigem Ausmaß Strom mit Uran aus russischen Atomwaffen produziert. Damit sollte die Regierung unter Druck gesetzt werden.

In Deutschlands Atomkraftwerken wird nach einem Zeitungsbericht bis heute in riesigem Ausmaß Strom mit Uran aus russischen Atomwaffen produziert. Es gehe um mindestens 100 Tonnen militärisches Uran, berichtete die „Süddeutschen Zeitung“ (SZ/Samstag). Das Programm sei gestartet worden, nachdem Russland 2002 darum gebeten habe, bei der Entsorgung hochangereicherten Urans und strahlenden Plutoniums aus Atombomben oder U-Booten zu helfen.

Aus einer Mischung von wiederaufbereitetem Uran aus Westeuropa und höher angereichertem Uran aus Russland wurden dem Bericht zufolge bei Moskau Brennelemente hergestellt. Per Bahn, Schiff und Lastwagen seien sie in die Kernkraftwerke Obrigheim und Neckarwestheim (beide EnBW), Brokdorf (Eon), Unterweser (Eon) sowie Gundremmingen (RWE und Eon) gebracht worden.

Projekte liefen weitgehend im Geheimen ab

Die Atomindustrie habe in den vergangenen zehn Jahren mehr als 1000 mit Militär-Uran bestückte Brennelemente eingesetzt. Bei weiteren 500 gelte dies als sehr wahrscheinlich. Mit 200 Brennelementen lasse sich ein AKW fünf Jahre befeuern.

Beide Seiten hätten von den weitgehend im Geheimen ablaufenden Geschäften profitiert. Brennelemente aus Russland seien für deutsche AKW-Betreiber billiger gewesen als die aus westlicher Produktion, berichtete die Zeitung unter Berufung auf einen Insider. Russland habe seine strahlende Hinterlassenschaft so auch noch zu Geld machen können. RWE bestätigte der Zeitung den Einsatz von 856 Brennelementen, auch Eon bestätigte den Einsatz militärischen Urans.

Das Projekt diente dem Bericht zufolge aber nicht nur der Abrüstung und der Stromgewinnung. Die Atomkonzerne hätten wohl vor allem zur Zeit der Regierung von Kanzler Gerhard Schröder (SPD) auch Druck machen wollen hin zu längeren Laufzeiten.

Bundesregierung mit Zeiträumen an der Nase herumgeführt

Im Jahr 2001 machten sich Atommanager nach Informationen der Zeitung in Berlin dafür stark, in Zukunft auch den noch gefährlicheren Atombombenstoff Plutonium aus Russland in deutschen AKW zu verwenden. In einem internen Schreiben der EnBW-Kraftwerke AG aus dem Jahr 2001 heiße es: „Die Bundesregierung weiß allerdings nicht, dass die Zeiträume, die benötigt werden, um all das russische Plutonium in Reaktoren zu verbrennen, doch deutlich länger sind, als die 'Restlaufzeiten' des Energiekonsenses, so dass hieraus der Druck auf eine Verlängerung der Laufzeiten entstehen wird.“

Haben Vertreter der Atombranche damals der Politik also Informationen vorenthalten, um gegen den Atomausstieg anzugehen? EnBW wies dies auf SZ-Anfrage zurück: „Wir verwahren uns gegen eine pauschale Unterstellung einer geplanten Täuschung.“

Im Bundesumweltministerium verwies man am Samstag darauf, dass für den Bereich der Brennelemente die Atomaufsichten der Länder zuständig seien und für die Einfuhr das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle unter Federführung des Bundeswirtschaftsministerium. Dort war zunächst keine Stellungnahme zu dem Bericht zu erhalten.

dpa

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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