Steffen Bock spürt für den Energieversorger Eon-Mitte Schäden in unterirdischen Stromkabeln auf

Er sucht das Knacken in der Erde

Wie ein Schatzsucher: Während das Bau-Team wartet, horcht Steffen Bock mit dem Bodenmikrofon nach der Bruchstelle. Fotos: Neutze

Kassel/Göttingen. Steffen Bock braucht Ruhe. Der 33-Jährige rückt seinen Kopfhörer zurecht. „Mit den ganzen Lkw, die hier vorbeidonnern, wird das kniffelig“, sagt er, und horcht wieder in die Erde hinein. Tief unter dem Asphalt sucht Bock mit einem Bodenmikrofon nach dem Knacken von mehreren Tausend Volt, das einen Bruch im Stromkabel verrät.

Steffen Bock ist Elektrotechniker und gehört zu einer Einsatzgruppe, die im 44 000 Kilometer langen Eon-Mitte-Stromnetz unterirdische Schäden aufspürt – auf den Zentimeter genau. Drei- bis viermal täglich rückt das Team aus, sieben Techniker und vier Einsatzwagen sorgen für Bereitschaft rund um die Uhr.

„Man findet da alles mögliche: Zaunpfähle, die ins Kabel gehauen wurden, Baggerschäden oder Steine, die sich über die Jahre ins Kabel drücken“, sagt Bock. Der 33-Jährige, der aus Philippsthal (Kreis Hersfeld-Rotenburg) stammt und mit seiner Frau in Kassel lebt, arbeitet seit 1995 bei Eon.

Diesmal geht es für ihn 80 Kilometer in den Süden. Das Ziel: ein Trafohäuschen in Sterzhausen bei Marburg. Kurze Absprache mit den Technikern vor Ort, eine Straßenseite ist ohne Strom. Bock zerrt dicke Kabel aus dem Notfall-Messwagen in das Häuschen, während neben ihm ein großer Trafo brummt. „Da werden aus 20 000 Volt Mittelspannung 400 Volt für die Hausanschlüsse“, erklärt er. „Kein Spielzeug.“

Vom Messwagen aus schickt Bock einen Signalton in die Leitung, „wie bei einem U-Boot-Sonar“. Ergebnis: „Das Kabel ist richtig schlecht.“ Ein Computer berechnet anhand des Echos die Entfernung zur Bruchstelle. „Das müssten 184 Meter sein. Aber das stellen wir jetzt noch genauer fest.“

250 000 Euro pro Wagen

Diese Präzision kostet – etwa 250 000 Euro für jeden der vier Messwagen. Immerhin: Extras sind inklusive, unter anderem das Bodenmikrofon, mit dem Bock den Asphalt abhorcht, während der Messwagen 3000-Volt-Stöße in die Leitung schickt. „Man hört, wo die elektrische Ladung an der Bruchstelle überspringt“, sagt Bock und sprüht ein pinkfarbenes Kreuz auf den Bürgersteig. „Da geht’s ran.“

Für den Techniker ist der Einsatz fast beendet. Während ein Bautrupp den Asphalt aufbricht, räumt Bock seine Messinstrumente in den Wagen. Das nächste Kabel wartet. Insgesamt setzt die Einsatzgruppe etwa 1200 pinkfarbene Kreuze pro Jahr. Etwa 70 Mal im Jahr sucht das Eon-Team auch für andere Auftraggeber nach Fehlern. Zu den Kunden gehören sowohl große Betriebe als auch Stadtwerke. „Wir sind echt froh über die Jungs“, sagt einer der Bauarbeiter und nickt in Bocks Richtung. „So brauchen wir nicht immer ganze Straßen aufzureißen.“ Meist reichen Löcher unter drei Metern Breite. Ohne den Messwagen wäre laut Eon etwa das dreifache notwendig.

Das Kabel ist schnell freigelegt und geflickt. Steffen Bock freut sich über Getränke, die ein Bäcker von der anderen Straßenseite verteilt. „Das kommt nicht so oft vor“, sagt er und lächelt. „Meist sind die Leute nur ungeduldig, wann das Licht wieder angeht.“

Von Simon Neutze

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