Tausende trotz Arbeit arm: Viele Zeitarbeiter verdienen nicht einmal 1000 Euro brutto

Kassel/Berlin. Der deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) schlägt Alarm: Trotz Vollzeitstelle rutschen immer mehr Beschäftigte in die Armut. Grund ist die zunehmende Zahl von Zeitarbeitern, die im Schnitt nur 40 bis 50 Prozent dessen verdienen, was fest Beschäftigte für dieselbe Arbeit bekommen.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die der DGB jetzt vorgelegt hat. Mit ihr soll der Druck auf die Bundesregierung erhöht werden, im Rahmen der laufenden Verhandlungen zu den Hartz-IV-Regelsätzen auch Zugeständnisse beim Thema Zeitarbeit zu machen.

Denn während DGB, SPD und Grüne „gleiches Geld für gleiche Arbeit“ bereits nach vier Wochen im selben Betrieb fordern, wollen CDU und FDP eine finanzielle Gleichbehandlungen erst nach neun Monaten. Viel zu lange, meinen Kritiker unter Hinweis auf Verweilzeiten von einigen Wochen oder Monaten im selben Unternehmen.

Laut der DGB-Studie verdienen nur 19,1 Prozent der Zeitarbeiter mehr als 2000 Euro brutto. Festangestellte schafften dies in 70 Prozent der Fälle. Tatsächlich dürfte der Anteil der „Gutverdiener“ in der Zeitarbeitsbranche noch geringer sein, da laut DGB die fest angestellten Disponenten der Personaldienstleister in diese Gruppe fielen.

Studie: Diese Jobs bringen weniger als Hartz IV

Die 1,9 Prozent Geringverdiener in der Werbebranche und in der Marktforschung bekommen ein monatliches Nettogehalt von 1268 Euro, mit Kindergeld 1636 Euro. Als Hartz IV-Empfänger würden sie 17 Euro mehr bekommen. © dpa
In Callcentern arbeiten 13,1 Prozent Geringverdiener. Sie verdienen Brutto 1574 Euro ohne Kindergeld. Netto bleiben ihnen 1256 Euro - das sind 29 weniger als Hartz IV. © dpa
In der Rechtsberatungs-Branche sind 1,1 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ihr Bruttogehalt liegt bei 1552 Euro. Netto bleiben ihnen 1238 Euro - das sind 47 Euro weniger als Hartz IV. © dpa
Im Gartenbau und bei Gebäudebetreuung arbeiten 33,4 Prozent Geringverdiener. Sie bekommen monatlich 1535 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 60 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Die Gastronomie beschäftigt 20,5 Prozent Geringverdiener. Durchschnittlich verdienen sie 1474 Euro brutto. Netto bleiben ihnen 1176 Euro und somit 109 Euro weniger als mit Arbeitslosengeld II. © dpa
Auch in der Hotelbranche sieht es nicht besser aus: Zwar zählen nur 9,5 Prozent zu den Geringverdienern, doch die verdienen satte 188 Euro weniger als Hartz IV-Empfänger. © dpa
Am schlechtesten bezahlt wird Zeitarbeit. In diesem Sektor werden 31,5 Prozent Geringverdiener beschäftigt. Ist man verheiratet, Alleinverdiener und hat zwei Kinder, bleiben netto 1007 Euro übrig. Das sind 278 Euro weniger als mit Hartz IV. © dpa
Es gibt auch Jobs, bei denen das Einkommen nur knapp über dem Arbeitslosengeld liegt. Dazu gehören Berufe wie Schlachter und Menschen, die Fleisch verarbeiten. 22,8 Prozent sind Geringverdiener und bekommen 1379 Euro. Als Hartz IV-Empfänger stünden ihnen 94 Euro weniger zu.  © dpa
Noch schlechter verdienen Beschäftigte von Wach- und Sicherheitsdiensten. Sie arbeiten für 1379 Euro netto - das sind 79 Euro mehr als Hartz IV. © dpa
Angestellte des Einzelhandels arbeiten für 1331 Euro netto im Monat. Als Hartz IV-Empfänger bekämen sie 46 Euro weniger. © dpa
Die 0,9 Prozent Geringverdiener in der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbranche bekommen netto 1321 Euro. Mit Hartz IV wären es auch nur 36 Euro weniger. © dpa
Auch unter Erziehern und Lehrern gibt es Geringverdiener - 0,8 Prozent. Ihr Nettogehalt beläuft sich auf 1319 Euro. Als Hartz IV-Empänger bekämen sie nur 35 Euro weniger. © dpa
Die 8,5 Prozent Geringverdiener in Pflegeheimen verdienen nur 18 Euro mehr als als Hartz IV-Empfänger. © dpa

Im Schnitt lag das Bruttomonatsentgelt von Leiharbeitern 2009 bei 1456 Euro. Zum Vergleich: Das mittlere Einkommen von Stammbeschäftigten betrug in jenem Jahr 2805 Euro. 10,5 Prozent der Leiharbeiter verdiente bis zu 1000 Euro brutto, etwa 40 Prozent bis zu 1400 Euro. Die Folge: 92 000 der 793 000 Zeitarbeiter mussten im vergangenen Jahr trotz Vollzeitstelle Hartz IV in Anspruch nehmen, weil der Lohn nicht reichte. Aufstocker wird diese Personengruppe genannt. „Das Verarmungsrisiko der Leiharbeiter ist damit vier bis fünf Mal größer als in der Gesamtwirtschaft“, beklagt der Autor der Studie, Wilhelm Adamy.

Aber dem DGB stößt nicht nur die vergleichsweise schlechte Bezahlung an sich auf. Sie befürchtet eine Abwärtsspirale bei den Löhnen insgesamt und verweist auf eine gängige Praxis, feste Stellen dauerhaft mit Leiharbeiter zu wesentlich geringeren Löhnen zu besetzen. „Leiharbeit wird längst nicht nur dafür eingesetzt, betriebliche Auftragsspitzen abzufangen, sondern mehr und mehr auch um die Lohnkosten zu drücken und tarifliche Regelungen zu unterhöhlen“, kritisiert Adamy. Und der Staat subventioniere diese Dumping-Löhne auch noch über Hartz IV.

Die Statistik spricht eine deutliche Sprache: Gab es 2002 bundesweit noch 318 000 Zeitarbeiter, sind es aktuell mit gut 900 000 fast dreimal so viele- Tendenz weiter steigend. Von den neu geschaffenen Stellen der vergangenen Monate ist nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit die Hälfte in der Zeitarbeitsbranche entstanden.

Wirtschaftsverbände warnen unterdessen vor einer Gleichbehandlung von fest Beschäftigten und Zeitarbeitern. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt befürchtet „deutliche Bremsspuren am Arbeitsmarkt“ und den Verlust Zehntausender Jobs.

Von Jose Pinto

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