Stromhändler verliert weitere 45 000 Kunden, weil er Netzgebühren schuldig blieb

Teldafax tiefer in der Krise

Kassel / Göttingen. Der Billigstrom-Anbieter Teldafax rauscht noch tiefer in die Krise. Am Mittwoch verlor der größte unabhängige Energieanbieter Deutschlands in Hamburg und Berlin weitere 45 000 seiner 700 000 Kunden, weil er nach Angaben des Stromnetzbetreibers Vattenfall die Durchleitungsgebühren nicht bezahlt hat. Schon durch frühere Netzsperren hatte das Unternehmen 55 000 Abnehmer eingebüßt.

Bundesweit haben nach Angaben der Bundesnetzagentur 40 bis 60 Netzbetreiber Teldafax wegen offener Rechnungen den Zugang verweigert. In der Region hatten die Stadtwerke Northeim und Göttingen deshalb den Konkurrenten ausgesperrt. Betroffen sind 280 Kunden. Die abgehängten Abnehmer zahlen erst einmal drauf. Denn wenn Strom und Gas ausbleiben, springt der Versorger ein, der am Ort die meisten Abnehmer hat. Meist gruppiert er den neuen Kunden aber in seinen vergleichsweise teuren Grundversorgungstarif ein.

Wer wegen der Netzsperre keinen Teldafax-Strom mehr bekommt, erhalte eine Abschlussrechnung, mit der auch Guthaben verrechnet würden, sagt Teldafax-Sprecher Thomas Müller. Bis Geld fließt, können jedoch zwei bis drei Monate vergehen. Denn den Zählerstand und damit den Verbrauch meldet der Netzbetreiber. Er könne sich bis zu vier Wochen Zeit lassen.

Hinzu komme ein „absoluter Stau in unseren Service-Kanälen“. Als die finanzielle Schieflage bei Teldafax bekannt wurde, stoppten Banken den Lastschrifteinzug für den Versorger, denn die Kunden können Lastschrift-Zahlungen stornieren.

Der Energieanbieter war „quasi von heute auf morgen mit über 700 000 Überweisungsaufträgen konfrontiert, ohne darauf technisch und operativ vorbereitet gewesen zu sein“, sagte der neue Vorstandschef des Unternehmens, Hans-Gerd Höptner, der „Welt am Sonntag“. Eine Flut von Briefen, Mails und Anrufen war die Folge.

Das Geld per Lastschrift fließt wieder. Gebraucht wird es dringend. Bis Ende 2007 hatte das Unternehmen laut Bundesanzeiger Verluste von 2,75 Millionen Euro angehäuft. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor. 2010 hatte Teldafax mit 660 Mitarbeitern 500 Millionen Euro umgesetzt. Ertragszahlen nannte der Energieanbieter noch nicht.

Teldafax räumt inzwischen auf. Vorstandschef Klaus Bath ging im „beiderseitigen Einvernehmen“. Sein Nachfolger, Hans-Gerd Höptner, erklärt im Interview die Gründe der Misere: Man habe die Vorauszahlungen von Abnehmern genutzt, um neue Kunden zu gewinnen, habe Energie unter dem Einstandspreis verkauft.

Aus diesen Fehlern will das Unternehmen, in das neue Investoren 50 Millionen Euro pumpten, nun lernen. Bei jeder Netzsperre werde geprüft, ob es sich lohnt, dort noch weiter zu versorgen. Ein neues Tarifsystem soll eingeführt werden – Vorkasse-Tarife gibt es seit Jahresbeginn nicht mehr.

Von Barbara Will

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