Der Traum der Generation Y

Fast ein Jahr lang hat Matthias Erren überlegt, bevor er seinen Chef um ein Gespräch bat. Rechtlich war die Sache klar – auch an seiner Entscheidung hatte er keinen Zweifel. Trotzdem: „Selten war mir eine Unterhaltung so unangenehm“, erinnert er sich.

Er hatte das Gefühl, er verstoße mit seinem Antrag gegen ungeschriebene Gesetze. Erren hat weder Kinder noch kranke Angehörige zu versorgen. Den Teilzeitantrag stellte er, um neben dem Job noch etwas Zeit für sich zu haben. Als Assistenzarzt in einem Bremer Krankenhaus kam er mit einer 100-Prozent-Stelle schnell auf 55 Stunden pro Woche. Nach drei Jahren hatte er genug: Er fühlte sich wie in einem Hamsterrad.

Junge Arbeitnehmer, die wegen einer besseren Work-Life-Balance ihre Arbeitszeit reduzieren wollen – das klingt ungewöhnlich. Doch Errens Wunsch werden in Zukunft immer mehr junge Berufstätige äußern, glaubt Prof. Jutta Rump. Sie leitet das Institut für Beschäftigung und Employability der Fachhochschule Ludwigshafen. Die Ursache sieht sie in der Generation Y, die nun in die Betriebe drängt.

Zur Generation Y zählt Prof. Rump alle, die nach dem Jahr 1985 geboren wurden. Andere nehmen die Jahrgänge ab 1980 hinzu. Die nach 1980 Geborenen haben ganz andere Wertvorstellungen als frühere Generationen. So ist die Generation Y zwar bereit, im Job viel zu leisten. Doch sie stellt auch hohe Anforderungen an ihren Beruf. Er soll Spaß machen, Entwicklungsperspektiven bieten und sinnvoll sein.

Balance zwischen Arbeit und Freizeit finden

Gleichzeitig legen viele Wert darauf, ein Leben außerhalb der Arbeit zu haben. „Eine gute Work-Life-Balance ist dieser Generation sehr wichtig“, erläutert Prof. Rump.

Wer als Berufsanfänger auf Teilzeit geht, sollte sich allerdings auch über die Risiken im Klaren sein. Gerade bei älteren Kollegen kann der Teilzeitwunsch auf Unverständnis stoßen, warnt Julia Hapkemeyer. Die Diplom-Psychologin berät Firmen zum Thema Personalentwicklung und hilft, wenn es zwischen den Generationen Konflikte gibt. Kollegen, die sich für die Karriere jahrelang abgerackert haben, können missgünstig reagieren.

Außerdem sollten sich Jüngere bei einem Teilzeitgesuch klarmachen, dass der Vorgesetzte sie in der Folge eventuell weniger fördert und ihre Karriere erst einmal auf Eis liegt. Hinzu komme, dass Berufsanfänger in Teilzeit weniger verdienen und auch weniger in die Rentenkasse einzahlen, ergänzt Prof. Rump.

Beide Experten raten deshalb dazu, den Teilzeit-Antrag als Berufsanfänger möglichst strategisch anzugehen. Am besten sei, zunächst in Vollzeit zu beginnen – und erst nach ein oder zwei Berufsjahren die Arbeitszeit zu reduzieren.

Weiterbildungschancen gleich mitverhandeln

Gleichzeitig sollten Berufsanfänger mit dem Chef am besten vertraglich vereinbaren, dass sie pro Jahr zum Beispiel eine Weiterbildung machen, rät Prof. Rump. So könnten sie sicherstellen, dass sie karrieretechnisch nicht auf der Stelle treten. Für gute Stimmung bei den Kollegen sorge außerdem, wenn die Anfänger sich flexibel zeigen und auch einmal außerhalb der Arbeitszeit erreichbar sind.

Auch Erren beharrte nicht auf seinen Vorstellungen. Ursprünglich wollte er seine Vollzeitstelle auf 75 Prozent reduzieren. Doch das blockte sein Vorgesetzter von vorneherein ab. Der Kompromiss sieht nun so aus, dass er nur um 20 Prozent reduziert. Seit dem 1. September hat er nun jede Woche donnerstags frei.

„Und was machen Sie jetzt mit der ganzen freien Zeit?“, wollte sein Chef letztens wissen. Mehr lesen, Sport treiben und viel draußen sein – „ganz normale Sachen halt“, antwortete der. Zusammen mit Freunden bemüht er sich gerade bei der Stadt Bremen um einen Schrebergarten. Wer weiß: Statt donnerstags im OP zu stehen, buddelt er bald vielleicht schon an diesem Tag Pflanzen ein. (tmn)

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