Chance am Äquator

Trotz Vorbehalten siedeln sich Volkswagen, B. Braun und SMA in Kenia an

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An Strathmore-Universität im kenianischen Nairobi werden nicht nur Solartechniker ausgebildet: Die Hochschule kann inzwischen auch einige ihrer Einrichtungen selbst mit Solarenergie versorgen.

Nairobi. Beim Afrika-Gipfel am Montag machte die Bundesregierung deutlich: Sie unterstützt afrikanische Staaten, wenn sie sich für Investoren attraktiver machen. In Kenia arbeiten bereits SMA, B. Braun Melsungen und Volkswagen.

Wer in diesen Wochen auf Andreas Kaiser trifft, findet einen gut gelaunten Vertreter der deutschen Wirtschaft in Kenia vor. Seine Aufgabe ist es, Unternehmen bei der Markterschließung in dem ostafrikanischen Land zu unterstützen. Dass der zweite deutsch-afrikanische Wirtschaftsgipfel der Subsahara-Afrika Initiative der deutschen Wirtschaft (SAFRI) im Februar in Nairobi stattfand, war für seine Arbeit natürlich Gold wert. Und er ist voll des Lobes für B.Braun-Vorstandschef Prof. Heinz-Walter Große, Vorsitzender der SAFRI „und ein Mann mit Herz für Ostafrika“, so Kaiser.

Natürlich kennt auch Kaiser die Vorbehalte vieler Investoren in Europa, was Korruption, bürokratische Barrieren, mangelnde Infrastruktur und unzureichend ausgebildete Arbeitskräfte betrifft. Aber er teilt mit Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) die Auffassung, dass es das Ziel deutscher Entwicklungspolitik sein muss, auf private Investitionen zu setzen, um die wirtschaftliche Entwicklung afrikanischer Staaten voranzutreiben.

Infrastruktur bedeutet nicht nur den Bau von Verkehrswegen, bei dem vor allem die Chinesen aktiv sind. Genauso wichtig ist die Energieversorgung. Auch wenn die Solarenergie eine aus deutscher Sicht erstaunlich geringe Rolle in dem Land direkt am Äquator spielt, ist der nordhessische Solar-Spezialist SMA dort längst präsent. Für SMA sei Kenia ein wichtiger Markt und es bestünden gute Kontakte zu lokalen Partnern, so Fabian Jochem, Geschäftsführer der SMA Sunbelt Energy GmbH. (Artikel unten)

VOLKSWAGEN: Erst der Käfer, jetzt der Polo

Der Wolfsburger Autokonzern ist Ende 2016 nach Kenia zurückgekehrt: Wurden dort bis in die Siebzigerjahre Käfer produziert, werden seit Dezember 2016 in Thika unweit von Nairobi Polos zusammengebaut, die Teile werden in Südafrika produziert. So will der Konzern wieder einen Fuß in die Tür bekommen in dem Land, in dem Toyota und Mitsubishi bereits produzieren.

Mit zunächst 1000 Fahrzeugen im Jahr ist VW allerdings noch bescheiden, das Neuwagengeschäft in Kenia ist aber auch minimal: Verkauft werden dort vor allem aus der Golfregion importierte Gebrauchtwagen. Nach Auskunft der deutschen Botschaft in Nairobi lagen die Verkaufszahlen der Polos bislang im zweistelligen Bereich.

B. Braun Melsungen: Bislang mit 780 Mitarbeitern in Südafrika und Kenia

Wenige Monate vor dem von der SAFRI organisierten deutsch-afrikanischen Wirtschaftsgipfel in Nairobi hatte B. Braun dort ein Büro eröffnet, da der Konzern sein Engagement in Afrika verstärken will. Bislang ist der Konzern dort mit Tochtergesellschaften in Südafrika und Kenia mit insgesamt rund 780 Mitarbeitern präsent.

Vorstandschef Heinz-Walter Große betonte damals, Deutschland könne seinen afrikanischen Partnern „wichtige Instrumente an die Hand geben, lokale Entwicklungsherausforderungen in Chancen zu verwandeln“. Dazu müssten sie jedoch vermehrt den Aufbau von Wertschöpfung vor Ort vorantreiben.

SMA: Kenia perfekt für Solarenergiegewinnung

Joshua Saitoti strahlt. Seit der 35-jährige den Strom von „Talek Power“ bezieht, kann der Inhaber der kleinen Apotheke am staubigen Marktplatz von Talek Impfstoff kühlen, einen Fernseher laufen lassen und einen Handy-Aufladeservice anbieten. In dem 1500-Einwohner-Ort Talek, unweit der Safari-Lodges in der Masai Mara, keine ungewöhnliche Kombination, der Strom förderte viele solcher Geschäftsmodelle. Die 50-Kilowatt-Solar-Hybrid-Anlage, die in Talek betreut von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) installiert wurde, ist ein Pilotprojekt für lokale Netze. 

Der GIZ geht es nicht nur um die Technik: „Wir erproben auch die Lizensierungsverfahren, damit künftige Akteure bürokratische Hürden leichter überwinden können“, erläutert Energieexpertin Jasmine Fraatz. Das Potenzial für Solarenergie in Kenia ist riesig, mit durchschnittlich 2200 Sonnenstunden im Jahr hat das Land laut Fraatz fast doppelt so viele wie Deutschland. Gleichwohl macht Solarenergie derzeit nur knapp ein Prozent der Stromversorgung aus, die zu knapp 80 Prozent aus Wasserkraft und Geothermie stammt. Wo die Erneuerbaren nicht reichen, kommen klimaschädliche Diesel-Generatoren zum Einsatz, die zudem weniger verlässlich sind.

Um Solartechniker auszubilden, wurde 2014 an der Strathmore Universität in Nairobi eine 10 Kilowatt-Solar-Hybrid-Anlage zu Demonstrationszwecken installiert. Kooperationspartner ist der nordhessische Wechselrichter-Konzern SMA. Seitdem finden an der Uni mit Unterstützung der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) Kurse statt, in denen Planung, Installation und Wartung von Solar-Hybrid-Anlagen gelehrt werden. Über 400 Menschen haben bereits davon profitiert, darunter auch Frauen, die sich so eine Existenz aufbauen konnten. 

Der Direktor des Instituts, der Brasilianer Prof. Izael Pereira Da Silva, sagt, „die Universität darf kein Elfenbeinturm sein“. Mit Hilfe der GIZ wolle man vielmehr Fachleute ausbilden, die ihr Wissen weitergeben, um die Solarenergie in abgelegenen Gebieten über Inselnetze auszubauen. So soll die wirtschaftliche Entwicklung auch dort gefördert werden, wo der staatliche Monopolist Kenya Power zu wenig Profit sieht, sagt Jasmine Fraatz. 

Hintergrund: Kenia - Wachstumsmotor in Ostafrika

Das Handelsvolumen Deutschlands mit den 49 Staaten südlich der Sahara entspricht laut Bundesregierung mit 16 Mrd. Euro gerade einmal dem mit der Slowakischen Republik. 2015 importierte Deutschland Waren aus Kenia im Wert von 162,5 Mio. Euro, der Export belief sich auf knapp 370 Mio, Tendenz steigend. Auch die Mitgliederzahl der German Bussiness Association in Nairobi ist in zwei Jahren von 70 auf 140 Mitgliedsfirmen angestiegen. Das ostafrikanische Land mit derzeit 45,5 Mio. Einwohnern gilt als der Wachstumsmotor in Ostafrika mit jährlichen Zuwachsraten von 6,1 Prozent. Das Arbeitskräftepotenzial ist riesig, es bedarf jedoch massiver Ausbildungsprogramme. Trotz guter Wirtschaftsdaten gehört Kenia noch immer zu den ärmsten 50 Ländern der Welt, ganze Regionen sind von der der wirtschaftlichen Entwicklung abgeschnitten und regelmäßig massiv von Dürreperioden betroffen. (wet)

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