Chefvolkswirt der Commerzbank: Billiges Geld der Notenbanken verführt zum Schuldenmachen

Währungskrieg - was ist das eigentlich? 

Stein des Anstoßes: Die Wechselkurspolitik Chinas. Im Verhältnis zur Wirtschaftskraft ist der Yuan zu billig. Das verschafft China im Export Vorteile, verärgert aber andere Nationen. Fotos: dpa/Commerzbank

Viele reden von einem Währungsstreit, manche sogar von einem Währungskrieg. Doch was bedeutet dieser Konflikt um billiges Geld für die Wirtschaft in Deutschland und den Euro? Darüber sprachen wir mit Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Das Wort „Währungskrieg“ macht die Runde. Gibt es ihn und wer hat ihn angezettelt?

Dr. Jörg Krämer: Währungsmanipulationen sind nicht neu. China hält seit Jahren die eigene Währung künstlich niedrig, um seine Güter aus Sicht ausländischer Kunden billiger zu machen und so den Export zu fördern. Aber es waren die USA, die den Währungskrieg angezettelt haben. Sie haben den Markt mit billigem Geld geflutet.

Wie funktioniert dies?

Krämer: Die US-Notenbank verlangt von ihren Banken kaum noch Zinsen. Außerdem dürfte sie in der kommenden Woche beschließen, zum zweiten Mal US-Staatsanleihen aufzukaufen und mit eigenem Geld zu bezahlen. Die US-Notenbank hat die Notenpresse erneut angeworfen. Das Volumen ihrer Bilanz dürfte am Ende der zweiten Aufkaufaktion dreimal so hoch sein wie vor der Krise.

Welche Risiken entstehen dadurch?

Krämer: Kommt in den USA mehr Geld in Umlauf, wertet der US-Dollar ab und die US-Produkte werden aus Sicht ausländischer Kunden günstiger. Aber das geht auf Kosten anderer Länder. Sie werden sich möglicherweise mit Handelsbeschränkungen wehren. Es besteht das Risiko, dass sich aus einem Währungskrieg ein Handelskrieg entwickelt. Außerdem verführt billiges Geld zum Schuldenmachen und kann neue Blasen an den Finanzmärkten verursachen.

Warum wird den USA nicht stärker auf die Finger geklopft?

Krämer: Nicht nur die USA, sondern auch die EZB betreibt eine lockere Geldpolitik. Es gibt weltweit eine Neigung, mit billigem Geld die Schuldenprobleme zu kaschieren.

Das heißt, die USA machen weiter wie bisher?

Krämer: Ja, noch eine Zeitlang. Aber in den USA hat ein Umdenken begonnen. Die Verbraucher haben ihre Sparquote auf sechs Prozent angehoben. Die Immobilienpreise haben den großen Rückgang hinter sich. Ich denke, in ein, zwei Jahren hat die US-Wirtschaft die Krise ausgeschwitzt.

Wie spürt dies der Mann auf der Straße in Deutschland?

Krämer: Dank des Exportbooms wächst die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr um mehr als drei Prozent, wir haben weniger als drei Millionen Arbeitslose. Wenn die USA wieder auf die Beine kommen, wird Deutschland als Exportnation davon profitieren.

Die Chinesen haben ihren Leitzins angehoben. Steigen sie aus der Tretmühle aus?

Krämer: Chinas Währung hängt am Dollar. Gelingt es nicht, sich von der Billig-Geld-Politik der USA abzukoppeln, riskieren sie eine Überhitzung der Wirtschaft. Deshalb dürften sie den Renminbi in zwei, drei Jahren vom US-Dollar abkoppeln und frei handelbar machen. Die Chinesen bereiten sich darauf bereits vor.

Was bedeutet dieser Währungspoker für den Euro?

Krämer: Dollarschwäche führt zur Euro-Stärke. Aber ein teurer Euro ist schlecht für unseren Export – der starken Säule unserer Wirtschaft.

Wie lässt sich das Kräfteverhältnis am Währungsmarkt verändern?

Krämer: Internationale Konferenzen bringen nichts, wenn nicht alle das gleiche Ziel verfolgen. Noch haben die USA viel mehr Probleme als Deutschland. Denn die US-Arbeitslosenquote liegt bei fast zehn Prozent. Die Amerikaner tun alles, um ihre Wirtschaft anzukurbeln. Deshalb scheut die US-Notenbank nicht davor zurück, Staatsanleihen in großem Stil aufzukaufen.

Von Martina Wewetzer

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