Verschachtelte Prevent-Gruppe um die Familie Hastor

VW: Verheddert im Geflecht der Zulieferer

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Noch vor wenigen Tagen wurde mit Hochdruck in der Golf-Fertigung in Wolfsburg gearbeitet. Nun wird der Streit mit zwei Zulieferern der Prevent-Gruppe zu einer immer größeren Belastungsprobe für den Automobilkonzern.

Der Lieferstopp zweier Teilehersteller hat die Produktion bei Volkswagen empfindlich durcheinandergewirbelt.

Bundesweit hätten 27 700 Mitarbeiter - davon 1500 im Werk Kassel- teils noch bis Ende August nicht so arbeiten können, wie geplant. Doch seit Dienstagvormittag zeichnet sich eine Lösung ab.

Wer sind die Hintermänner in diesem Streit? Die Frage, wer im Zulieferstreit bei Volkswagen Ansprechpartner ist, ist derzeit gefürchtet. Statt Klartext zu reden, wird juristisch spitzfindig argumentiert, warum man rechtlich gesehen nicht der richtige Ansprechpartner sei.

Familie Hastor 

Dabei laufen alle Fäden bei der Prevent-Gruppe und ihrem Eigentümer zusammen - der Familie Hastor, mit Vater Nijaz und seinen Söhnen Kenan und Damir. Jahrelang hat der Familienkonzern mit VW und anderen Autoherstellern kooperiert. Schon zu Zeiten als es noch den Staat Jugoslawien gab, rollte der Golf aus Wolfsburg als Alternative zum Lada dort über die Straßen.

Gemeinsame Sache Mit VW 

Ingenieur Nijaz Hastor (65) soll jahrelang in leitender Position im bosnischen Automobilwerk Tvorinica Automobilia Sarajewo (TAS) gearbeitet haben. Dort wurden von 1979 bis 1992 in Lizenz VW-Modelle wie Käfer, Golf und Jetta gefertigt. 1995, noch zu Zeiten des Jugoslawien-Kriegs (1991 bis 1999), nutzte Hastor seine Kontakte in die Automobilbranche, um von Slowenien aus ein Zulieferernetz aufzubauen - die ASA Prevent-Gruppe. 1998 wurde der Standort Sarajevo in Bosnien in Betrieb genommen - und das Gemeinschaftsunternehmen Volkswagen Sarajevo D.O.O. gegründet. VW hält 58 Prozent und Prevent 42 Prozent. Bis 2008 wurden dort VW-, Skoda- und Audi-Modelle montiert.

Die Prevent-Gruppe 

Sitz der Prevent-Gruppe ist zwar in Slowenien, groß geworden ist das Unternehmen aber in Bosnien-Herzegowina. Mit 15 Produktionsstandorten und eigener Bank gehört Hastor zu den großen Arbeitgebern im Land. Die Gruppe beschäftigt 12 000 Mitarbeiter, davon etwa 6500 in Bosnien. Produziert wird nicht nur für die Autoindustrie, sondern auch für die Möbelindustrie.

Die Unternehmensberatung Deloitte listete die Gruppe auf Platz 418 der größten Unternehmen in Europa, in Bosnien ist es das zweitgrößte. 2014 lag der Umsatz bei 529 Millionen Euro. Jedes vierte Auto in Europa fährt mit Teilen der Prevent-Gruppe. In Deutschland hat die Prevent Dev GmbH ihren Sitz in Wolfsburg, Mehrheitseigentümer ist Familie Hastor.

Die Söhne Hastors 

In den vergangenen Jahren begann es, zwischen VW und Prevent zu knirschen. Spekuliert wird darüber, dass es mit dem Generationenwechsel in der Prevent-Gruppe zu tun haben könnte. In dieser Zeit kamen zu den produzierenden Prevent-Töchtern diverse Beteiligungsgesellschaften dazu. Unklar ist, wie das Geflecht gewoben ist.

Seit November 2015 ist die Schönheider ES Automobilguss GmbH - ein Zulieferer für die Getriebefertigung im VW-Werk Kassel - Mitglied der Prevent-Gruppe, so steht es auf der Internet-Seite des Unternehmens. Eingefädelt wurde der Kauf durch die Prevent-Tochter Eastern Horizon Group Netherlands - eine Beteiligungsgesellschaft. Bei der Übernahme wurde darauf hingewiesen, dass die Prevent-Gruppe damit ihre Leistungspalette um „eine Schlüsselkomponente für Getriebe“ erweitert habe. Sie stärkte damit ihre Position gegenüber den Autobauern, die auf ihre Zulieferer angewiesen sind.

Über eine verschachtelte Dachgesellschaft ist ES Guss mit der Car Trim GmbH aus Plauen verbandelt. Der Sitzbezügehersteller ist seit Juli über die Parramatta Capital Holding GmbH Teil der Prevent-Familie. Parramatta wurde 2014 gegründet, Geschäftsführer ist Kenan Hastor (37). Beide Zulieferbetriebe gehören dem Vernehmen nach zum bosnischen Teil der ASA Prevent-Gruppe. Über die Prevent-Beteiligungsgesellschaft Tahoe Investment hat sich Kenan Hastor nun beim Küchenhersteller Alno eingekauft.

Und Vater Nijaz Hastor? Er hat sich im März über seine Investmentfirma Halog zehn Prozent am Autozulieferer Grammer gekauft. Den Anteil am S-Dax-Konzern hat er bereits auf 15 Prozent ausgebaut.

Streit in Kürze

• Finanzaufsicht prüft: Finanzaufsichtsbehörde Bafin prüft nach dem Produktionsstopp bei VW, ob der Konzern die Öffentlichkeit früher über die Probleme mit den Zulieferern hätte informieren müssen.

• Möglicher Streit-Auslöser: Ende Juni stoppte VW ein Projekt, bei dem Car Trim ab 2017 Sitzbezüge für VW und Porsche liefern sollte. Dabei sei es um eine halbe Milliarde Euro Auftragsvolumen gegangen. VW soll Qualitätsmängel geltend gemacht haben. Car Trim war in Vorleistung getreten. Daher sollte VW einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“ als Wiedergutmachung für das geplatzte Projekt zahlen. Von VW ist zu hören, dass die Forderungen „absurd hoch“ seien.

•Gefährliche Kettenreaktion: Der Zulieferstreit könnte nach Experteneinschätzung zur Belastungsprobe für die gesamte Zulieferbranche werden, erklärte Christoph Feldmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik.

• Streit auch in Brasilien: Auch in Brasilien sind die Geschäftsbeziehungen der Akteure gestört. Seit Mai liefert Prevent-Tochter Keiper nur noch unregelmäßig. Im Gegenzug verklagte VW den Sitzhersteller, weil es die überlassenen Werkzeuge nicht zurückgeben will.

Daimler streitet mit Prevent

Klage aus 2014 noch nicht entschieden – keine Lieferbeziehung

Neben Volkswagen streitet auch der Autobauer Daimler mit dem Zulieferer Prevent vor Gericht. Vor dem Landgericht Braunschweig wolle der Lieferant 40 Millionen Euro Schadenersatz erstreiten, sagte ein Sprecher des Gerichts gestern.

Prevent sehe demnach Verträge von Daimler als nicht erfüllt und nicht wirksam beendet an. Am 8. November werde zunächst die Frage geklärt, welche Kammer überhaupt für das Verfahren zuständig ist. Nachdem die Klage beim Landgericht Braunschweig zunächst von der Handels- zur Zivilkammer weitegereicht wurde, sieht das Gericht nun die Zuständigkeit eigentlich in Stuttgart (Az.: 9 O 2142/15).

Vor dem Landgericht Stuttgart war Prevent Dev GmbH im Jahr 2014 schon mit einer einstweiligen Verfügung gescheitert (Az.: 40 O 69/14). Die Verfügung wurde vom Gericht gekippt, auch die Berufung vor dem Oberlandesgericht blieb ohne Erfolg (Az.: 5U 149/14). Weder Daimler noch Prevent wollten sich zu dem Verfahren äußern.

Kläger: Prevent Dev GmbH

In den Gerichtsunterlagen ist die Prevent Dev GmbH als Kläger genannt. Im Jahresabschluss des Unternehmens ist die Rede von 2013 gekündigten Aufträgen und einem „Abzug des Lieferumfanges“ der Daimler AG im Jahr 2014. Dem Vernehmen nach geht es um Sitzbezüge, allerdings nicht von der Firma Car Trim.

Eine Daimler-Sprecherin bestätigte Lieferbeziehungen mit Prevent und Prevent-Gesellschaften. Es gebe aber keine Lieferschwierigkeiten. Car Trim sei derzeit kein Serienlieferant von Mercedes-Benz. Die ES Automobilguss habe den Stuttgarter Autobauer früher beliefert. „Derzeit besteht keine Lieferbeziehung“, so die Sprecherin.

Hintergrund: Konjunkturelles Kurzarbeitergeld

Im Streit mit zwei Zulieferern hat VW für Beschäftigte im Werk Emden bereits das sogenannte konjunkturelle Kurzarbeitergeld beantragt, weitere Standorte könnten folgen. Hierbei wird die Arbeitszeit aufgrund wirtschaftlicher Ursachen oder eines unabwendbaren Ereignisses vorübergehend verkürzt. Dadurch entgeht den Angestellten Lohn, der ihnen von der Bundesagentur für Arbeit (BA) teilweise ersetzt wird. Mit dem Instrument der Kurzarbeit will der Gesetzgeber verhindern, dass Arbeitnehmern sofort die Entlassung droht, sollte ihr Betrieb einmal eine Durststrecke überwinden müssen.

Damit die Arbeitsagentur das Kurzarbeitergeld gewährt, muss mindestens ein Drittel der Beschäftigten betroffen sein, erklärt Martin Düselder von der Agentur für Arbeit in Leer.

Treffen diese Voraussetzungen zu, zahlt die Arbeitsagentur den Mitarbeitern 60 Prozent vom entgangenen Nettolohn. Für Beschäftigte mit Kindern sind es 67 Prozent. Die Sozialversicherungsbeiträge übernimmt die Agentur für Arbeit allerdings nicht. Sie werden für die entgangene Arbeitszeit komplett vom Arbeitgeber bezahlt.

Das Kurzarbeitergeld schießt der Betrieb zunächst vor. Die Auslagen werden ihm im Nachhinein von der Arbeitsagentur erstattet. Der Topf, aus dem die Bundesagentur für Arbeit das Kurzarbeitergeld zahlt, wird durch die Arbeitslosenversicherungsbeiträge gefüllt.

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