Branche kritisiert: Regierung setzt zu sehr auf Atom und Kohle

Vernachlässigtes Gas

Umweltfreundlicher als Kohle: Auch aus Erdgas lässt sich Strom gewinnen. Doch die Bundesregierung widmet Gas in ihrem Energiekonzept zu wenig Aufmerksamkeit, klagt die Branche.

Kassel. Bei der Energieversorgung der Zukunft aus erneuerbaren Quellen wird Erdgas in den Augen seiner Produzenten und Händler vernachlässigt. Das ist das Fazit des von dem Kasseler Ferngashändler Wingas organisierten „Erdgast Forums – auf dem Weg ins Grüne“, das sich mit dem Energiekonzept beschäftigte. Wingas ist eine Tochter des russischen Gasriesen Gazprom und des Kasseler Erdöl- und Gasproduzenten Wintershall, der zu BASF gehört.

Das bis 2050 reichende Energiekonzept der Bundesregierung baue zu sehr auf Atom- und Kohlekraft als Brückentechnologie, bis regenerative Quellen den Großteil des Bedarfs decke. Greenpeace schließt sich dieser Einschätzung an: „Erdgas und Kraft-Wärme-Kopplung sind die großen Verlierer des Energiekonzepts“, sagte der Energieexperte der Umweltorganisation, Andree Böhling.

Doch eine Stimme „für den Energieträger Erdgas war bisher kaum zu hören“, sagt Böhling. Auch hätten einzelne Unternehmen wohl die Folgen der Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke unterschätzt. Ludwig Möhring, Vertriebs-Geschäftsführer von Wingas, räumt ein: „Wir waren wohl zu sicher, dass die Vorteile von Erdgas auf der Hand liegen.“

Ein Kraftwerk, das Gas verstrome, sei auch wirtschaftlich, wenn es nicht auf Volllast laufe, verlange geringere Investitionen als ein Kohle- oder Kernkraftwerk und stoße weniger Kohlendioxid (CO2) aus, zählt Böhling die Vorteile auf. Zwar müsse Deutschland 85 Prozent der blauen Energie importieren. Weil der Verbrauch in Zukunft sinken werde, sei das aber „nachrangig“. Langfristig solle jedoch auch Erdgas als Energieträger ersetzt werden.

Stattdessen dürfen die Atomkraftwerke länger am Netz bleiben. „Das verhindert Investitionen in moderne Kraftwerke“, kritisiert Michael Wübbels, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), dem auch die Stadtwerke angehören. Neue Kraftwerke für acht Milliarden Euro seien auf Eis gelegt worden. Auch Kohlekraftwerke sind Greenpeace und VKU ein Dorn im Auge. Böhling fordert den Kohleausstieg bis 2040. „Wo man alte Kohlekraftwerke vom Netz nehmen kann, sollte man das tun“, sagt auch Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Kohle und Kernkraft bremsten den Wettbewerb auf dem Strommarkt.

Katherina Reiche, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, verteidigte das Konzept. Der Emissionshandel mache Kohlekraftwerke weniger rentabel. Erdgas, auf das bisher 14 Prozent der Stromerzeugung entfallen, werde deshalb an Bedeutung gewinnen. Fotos: dpa, VKU, Wingas

Von Barbara Will

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