Konzern rüstet pro Woche 200.000 Autos um

Volkswagen steckt 300 Mio. in die E-Mobilität

+

Wolfsburg/Baunatal. Nach einem guten Ergebnis 2016 treibt der Volkswagen-Konzern die Neuausrichtung voran.

Bei der VW-Strategie 2025 ist der Ausbau der E-Mobilität, die im Werk Kassel in Baunatal eine Rolle spielt, ein wesentliches Element, wie gestern bei der Bilanzpressekonferenz in Wolfsburg gesagt wurde.

So plant der Konzern bis 2018 mehr als zehn elektrifizierte Modelle – und über 30 neue, rein batterieelektrische Fahrzeuge bis 2025. Um die E-Mobilität am Standort Baunatal voranzutreiben, investiert VW rund 300 Millionen Euro – „eine zusätzliche Investition, die in die Produktion von Elektro- und Hybridantriebe fließen soll“, teilt Werkssprecher Heiko Hillwig mit. Die E-Mobilität-Fertigung teilt sich Kassel mit Salzgitter.

Dass daraus zusätzliche Arbeitsplätze entstehen, ist unwahrscheinlich. Der Konzern will bundesweit 23 000 Stellen abbauen. In Baunatal arbeiten derzeit 16 000 festangestellte Mitarbeiter und 600 Zeitarbeiter. Das sind bereits 400 weniger als im Dezember. Hillwig verweist darauf, dass die Menschen über normale Fluktuation das Werk verlassen haben.

Dennoch sei man optimistisch, dass „aufgrund der stabilen Auftragslage bis Juni weitere Zeitarbeiter in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernommen werden können, beziehungsweise deren Verträge verlängert werden“. 

Volkswagen fährt beim Umbau das Tempo hoch

Volkswagen muss sich wandeln.“ Das räumte Matthias Müller, Vorstandschef des Wolfsburger Autobauers gestern ein. Nicht, weil bislang alles schlecht war, sondern weil sich die Mobilität in den kommenden Jahren tiefgreifend verändern wird. Zwar absorbiere die selbst verschuldete Dieselaffäre noch unverändert Zeit und Kapazitäten, „aber die übrige Organisation kann sich freischwimmen und wieder auf das operative Geschäft konzentrieren“. Mit dem im November 2016 beschlossenen Spar- und Umbauprogramm Zukunftspakt, das derzeit anläuft, will der Konzern seine Hauptmarke Volkswagen rentabler machen. Die jährlichen Kosten sollen bis 2020 um rund 3,7 Milliarden Euro sinken. Vorgesehen ist, in den nächsten

Jahren bis zu 23.000 Stellen bundesweit zu streichen – ohne betriebsbedingte Kündigungen.

Zusammen mit der Strategie 2025, sei der Zukunftspakt „das Fundament für eine kraftvolle Neuausrichtung unserer Kernmarke“. Doch ein Unternehmen „verändert man allerdings nicht, indem man sich mit dem Megafon ans Werkstor stellt und den großen Wandel proklamiert.“

Die gestern vorgelegte Jahresbilanz für das Geschäftsjahr 2016 zeigt: Der Konzern, der durch Dieselaffäre und Streitereien um seinen Sparkurs bei vielen in Misskredit geraten war, schwimmt sich langsam frei. Die Krise „hat uns alles abverlangt“, sagt Müller – vom „brutalen Wettbewerb in China oder Europa“ ganz zu schweigen. In dieser Zeit auch noch einen Zukunftspakt aufzulegen, der die renditeschwache VW-Kernmarke flott machen soll, riesige Investitionen in E-Mobilität aufzulegen, digitale Angebote und neue Dienste anschieben – das zeugt von Aufbruchwillen. Finanziell habe VW den Prozess der Neuausrichtung voll im Griff.

Dank der ertragreichen Konzerntöchter wie Porsche und Audi schaffte die Gruppe 2016 ein Plus beim Ergebnis, während die Marke VW ein kleineres Plus im laufenden Geschäft abwarf, als 2015. Die Folgen der Dieselkrise schlugen sich in der Bilanz mit hohen Kosten für die Rechtsverfahren nieder. Zugleich blickt VW aber auch nach vorn: Konzernchef Matthias Müller sieht die Batterietechnik für E-Autos als „künftige Kernkompetenz“. Voraussichtlich ab 2020 solle es eine eigene Pilotlinie für Batteriezellen geben.

Geld verdienen will der Konzern künftig auch mit Mobilitätslösungen – mit Menschen, die kein eigenes Auto mehr wollen. Derartige Lösungen – ein Mix aus Bus und Sammeltaxi – sollen eine starke Säule des Konzerns werden. Die Partnerschaft von Skoda und Tata Motors soll zu einem preiswerten Fahrzeug führen. Nicht weniger als „Wir werden ein Vorbild bei Umwelt, Sicherheit und Integrität sein“, sagt Müller. Und: „Wir werden liefern.“

Alles auf guten Weg – möchte man meinen, wären da nicht die hausinternen Fliehkräfte. Dafür sorgt vor allem das interne Umbauprogramm Zukunftspakt, das zu heftigen Reibereien zwischen Betriebsratschef Bernd Osterloh und VW-Markenchef Herbert Diess geführt hat. Gestern räumte Diess ein, dass der Anlauf des bei Betriebsrat und Arbeitnehmern umstrittenen Sparkurses „an der einen oder anderen Stelle etwas holprig“ gewesen sei. Aber schließlich gehe es bei dem anspruchsvollen Paket auch um eine „dramatische Produktivitätssteigerung und um Mitarbeiterabbau.“

Wenn der Plan aufgehe, „dann bleibt Volkswagen auch im Jahr 2025 einer der größten Autohersteller weltweit“ – sagt Müller.

VW rüstet pro Woche 200.000 Autos um

Die Rückrufaktion von VW-Dieselfahrzeugen aufgrund des Abgasskandals werde von den Kunden sehr gut angenommen. Das sagte Konzernvorstand Matthias Müller am Montag in Wolfsburg. „Wir rüsten derzeit rund 200.000 Autos pro Woche um.“ Nach Angaben des Vorstandschefs wurden bisher 1,5 Millionen Autos der Konzernmarken in Deutschland mit der neuen Abgassoftware ausgestattet. Weltweit seien es vier Millionen.

Im Herbst 2017 will VW die gigantische Rückrufaktion von Diesel-Autos mit dem Motortyp EA 189 abgeschlossen haben.

Immer wieder hatten sich in dern vergangenen Wochen Autofahrer bei unserer Zeitung gemeldet, die Probleme mit ihren Motoren kurz nach der Umrüstaktion in einer VW-Werkstatt bekommen hatten. In den meisten Fällen mussten Teile der Abgasrückführung (AGR) erneuert werden. Ventile hatte sich dort zugesetzt. Die Motorsteuerung hatte einen Fehler angezeigt. Die Fahrer mussten ihre Autos abstellen.

Dass dies etwas mit dem Aufspielen der neuen Software zu tun hat, dem widersprach jetzt Chefeinkäufer Francisco J. Garcia Sanz bei der Jahrespressekonferenz in Wolfsburg. Es gebe keine Verbindung zwischen der Ausstattung mit der Software und dem Ventil der Abgasrückführung. „Das hat nichts mit dem Diesel-Update zu tun“, sagte Sanz

Und: Befragt nach möglichen Konsequenzen einer Klage die Deutsche Umwelthilfe, dass auch nach dem Aufspielen der neuen Software die Abgasnormen weiter nicht eingehalten würden, äußerte sich Matthias Müller entspannt. „Die Updates sind in Ordnung“, sagte er. Gegenüber dem Kraftfahrt Bundesamtes habe VW tausende Messungen nachweisen müssen. „Wir werden rechtlichen Auseinandersetzungen gelassen entgegensehen.“

Volkswagen in Kürze

Umsatz

Mit 10,4 Millionen an Kunden ausgelieferten Fahrzeugen stieg der Umsatz um 4 Milliarden auf 217,3 Milliarden Euro.

Operatives Ergebnis

Nach einem Verlust von 4,1 Milliarden Euro, verbuchte der Konzern nun einen operativen Gewinn von 7,1 Milliarden Euro nach Sondereinflüssen. Audi, Skoda, Porsche, aber auch Seat, Bentley und die Nutzfahrzeuge trugen zu dem guten Ergebnis bei. Bei der Marke VW ging das operative Ergebnis hingegen auf 1,9 Milliarden Euro zurück.

Ergebnis nach Steuern

Der Konzern verdiente nach Steuern 5,4 Milliarden Euro, ein Jahr zuvor lag das Ergebnis nach Steuern noch bei minus 1,4 Mrd. Euro. Der Dividendenvorschlag: 2 Euro pro Stammaktie , 2,06 Euro pro Vorzugsaktie.

Dieselskandal

Im Geschäftsjahr 2016 belasteten Sondereinflüsse von 7,5 Milliarden (2015: 16,9 Mrd.) Euro die Bilanz. Gebraucht wurde das Geld überwiegend für Rechtsrisiken. Die Netto-Liquidität lag zum Jahresende bei 27,2 Milliarden Euro.

Lesen Sie auch:

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.