Streit beendet - In Baunatal waren 1500 Mitarbeiter betroffen

VW und Zulieferer erzielen Einigung

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Volkswagen

Wolfsburg. VW und zwei wichtige Zulieferer haben sich in ihrem beispiellosen Machtkampf geeinigt. Die Unternehmen werden den Autobauer wieder beliefern. Was sie dafür bekommen haben, ist offen.

Der Machtkampf zwischen VW und zwei wichtigen Zulieferern ist vorbei. Der Autobauer und die beiden Unternehmen der Prevent-Gruppe einigten sich am Dienstag in Wolfsburg und beendeten damit den beispiellosen Streit um die Lieferung von wichtigen Teilen für die Autoproduktion. Die Lieferanten würden die Belieferung von Volkswagen in Kürze wieder aufnehmen, sagte ein Volkswagen-Sprecher. Auch die Zuliefererseite bestätigte die Einigung.

Aktualisiert um 14.30 Uhr

Wie lange die Verträge mit den beiden Zulieferern noch laufen, wollten weder VW noch die Unternehmen sagen, auch nicht, ob die bestehende Lieferverträge verlängert oder gar neuverhandelt wurden. Das Landgericht Braunschweig hatte in seinen Verfügungen Car Trim bis zum 5. Mai 2017 und ES Automobilguss bis zum 8. Februar 2018 zu Lieferungen verpflichtet. Offen ist, ob das die Laufzeit der Verträge spiegelt.

Im VW-Werk Kassel in Baunatal waren von den Lieferengpässen zuletzt 1500 Mitarbeiter im Getriebebau und in der Abgasanlagenfertigung betroffen. Mitarbeiter der Produktionslinie für das Direktschaltgetriebe DQ 250 waren schon vor über zwei Wochen nach Hause geschickt worden, weil keine Teile des Zulieferers ES Automobilguss mehr da waren. Die Produktion in diesem Bereich kam in der Folge vollständig zum Erliegen. Täglich verhandelten Werkmanagement, Betriebsrat und Arbeitsagentur über Kurzarbeit für die 1500 Beschäftigten. Insgesamt gibt es am Standort 17.000 Mitarbeiter. Kurzarbeit wurde letztendlich nicht beantragt. Der Ausgleich für die Arbeitsausfälle wurde über die herkömmlichen Arbeitszeitkonten ausgeglichen.

Nach Angaben von VW bereiten die betroffenen VW-Standorte die Wiederaufnahme der Produktion vor, das Thema Kurzarbeit dürfte sich für die Werke in Emden, Wolfsburg, Kassel und Zwickau somit rasch wieder erledigen. Zum genauen Zeitplan äußerte sich VW aber zunächst nicht.

Volkswagen und die beiden wichtigen Teilezulieferer hatten seit Montagmittag verhandelt. Wegen eines Lieferstopps der Firmen standen bei dem Autobauer viele Bänder still: Der Konzern wartete auf Getriebeteile und Sitzbezüge von den Zulieferern ES Automobilguss und Car Trim, die zur Unternehmensgruppe Prevent gehören.

Wegen des Streits konnten laut VW insgesamt 27.700 Mitarbeiter in mehreren Werken nicht so arbeiten wie geplant. Der Autobauer sprach von „Flexibilisierungsmaßnahmen bis hin zu Kurzarbeit“. Allen voran ruhte im Stammwerk Wolfsburg die Produktion des wichtigsten VW-Modells Golf. Die Zulieferer-Branche hatte bereits Auswirkungen auch auf andere Lieferanten befürchtet. Die Bundesregierung hatte am Montag eine Lösung angemahnt.

Niedersachsens Ministerpräsident kritisiert Verhalten der Zulieferer

VW-Aufsichtsrat und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sagte, es sei gut, dass nun eine Einigung erfolgt sei. Er freue sich für die Beschäftigten, die nun wieder an ihre Arbeitsplätze zurück könnten. „Sie sind in den letzten Tagen Opfer eines Konfliktes geworden, der ohne Not auf ihrem Rücken ausgetragen worden ist“, sagte der SPD-Politiker in Hannover - und kritisierte nochmals das Vorgehen der beiden Zulieferer. „Es bleibt bei mir ein Unbehagen über das Vorgehen der Prevent Group, die nicht bereit war, den in unserem Rechtsstaat vorgesehenen Weg einer Klärung vor den Gerichten zu gehen.“

Die beiden Firmen hätten stattdessen einen Großkonflikt mit beträchtlichen Schäden eröffnet. „Dieses Beispiel darf keine Schule machen“, sagte Weil.

Zwischen Volkswagen und den beiden wichtigen Teilezulieferern tobte seit Tagen ein Streit um die Kündigung von Aufträgen. Die Hintergründe sind unklar. Wegen des Lieferstopps standen bei dem Autobauer viele Bänder still: Der Konzern wartet auf Getriebeteile und Sitzbezüge von den Zulieferern ES Automobilguss und Car Trim, die zur Unternehmensgruppe Prevent gehören.

Vize-Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion kritisiert VW

Der Vize-Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Michael Fuchs, griff VW vor allem wegen der Beantragung von Kurzarbeitergeld scharf an. "Unabhängig von rechtlichen Fragen bleibt ein fader Beigeschmack: Dass VW hier die Allgemeinheit für eigene Versäumnisse zur Kasse bittet, hat nichts mit verantwortungsvollem unternehmerischem Handeln zu tun", sagte Fuchs und forderte, die gesetzlichen Grundlagen für die Kurzarbeit zu überarbeiten. "Wir müssen prüfen, ob die Voraussetzungen für die Gewährung von Kurzarbeitergeld gesetzlich präziser gefasst werden müssen." Es sei schließlich nicht um eine wirtschaftliche Entwicklung, sondern um einen Machtkampf gegangen, der auf falsche Management-Entscheidungen zurückgehe

Autoexperte sieht beide Seiten beschädigt

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer sieht nach dem Streit beide Seiten beschädigt. "Der eigentliche Grund für die Posse liegt aber auf dem VW-Einkaufssystem", sagte der Wirtschaftsprofessor. Besonders kritisiert Dudenhöffer, dass VW sich bei manchen Teilen auf nur einen Zulieferer verlasse.

Der Autobauer hat bei einem der fraglichen Teile des Streits nur einen Lieferanten gehabt. Das Prinzip ist in der Branche bekannt als "Single Sourcing" (Einzelquellenbeschaffung). "Wenn man einen Fall findet, bei dem ein Weltmarktführer mit mehr als 600.000 Beschäftigten sich von einer 500 Mann-Bude abhängig macht, sprechen alle Regeln der Statistik dafür, dass mehr solcher Fälle im Karton schlummern", sagte Dudenhöffer.

dpa/sok

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