Werk steigt in die E-Antrieb-Fertigung

Neue Antriebe: VW-Werkleiter Korzinovski stellt das Werk Kassel für die Zukunft neu auf

Gerüstet für die Zukunft: Zwar dreht sich derzeit alles um die E-Antriebe, Geld wird aber auch mit konventionellen Getrieben wie dem DL382 verdient, sagt Werkleiter Olaf Korzinovski. Das Direktschaltgetriebe für Audi A4, A6, Q5 und für den VW-Phideon (Markt China) läuft in dieser Woche zum zwei millionsten Mal vom Band.  
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Gerüstet für die Zukunft: Zwar dreht sich derzeit alles um die E-Antriebe, Geld wird aber auch mit konventionellen Getrieben wie dem DL382 verdient, sagt Werkleiter Olaf Korzinovski. Das Direktschaltgetriebe für Audi A4, A6, Q5 und für den VW-Phideon (Markt China) läuft in dieser Woche zum zwei millionsten Mal vom Band.  

Der Standort in Baunatal baut Schlüsselkomponenten für den Antrieb der Zukunft. 

Über 30.000 Fahrzeuge des ID.3 waren bereits vor der Weltpremiere im September reserviert, obwohl die Fahrzeuge erst Mitte 2020 in Zwickau vom Band rollen werden. Selbst die Konzern-Offensive mit „alten“ E-Golfs zündete. Im Oktober wurden sie inklusive Förderung deutlich günstiger angeboten. Mitte Oktober kam die Nachricht: Bis 2024 will VW ein E-Auto für unter 20.000 Euro anbieten.

Für die Wolfsburger Konzernleitung sind dies Testballons, um auszuloten wie der Markt reagiert. Für das VW-Werk Kassel in Baunatal ist es der Countdown für die neue Antriebswelt.

Der Wandel

Die Automobilindustrie befindet sich in einem noch nie da gewesenen Wandel: Der E-Antrieb drängt auf den Markt und soll die herkömmlichen Verbrenner in den kommenden Jahren zunehmend ersetzen. „Als größtes Komponentenwerk steckt Baunatal mittendrin in diesem Transformationsprozess“, sagt Werkleiter Olaf Korzinovski (52).

Der Standort baut Schlüsselkomponenten für den Antrieb der Zukunft: Aufbauend auf den Kompetenzen im Bereich Direktschaltgetriebe, Hybridgetriebe und der ersten Generation elektrischer Antriebe steigt das Werk in die E-Antrieb-Fertigung ein.

Die Mitarbeiter

Der Transformationsprozess ist weit mehr als ein Produktwechsel. „Er kann nur gemeinsam mit den Mitarbeitern umgesetzt werden“, betont Werkleiter Korzinovski. Sein Ziel: Die Belegschaft auf den Wandel vorzubereiten statt neu einzustellen. Seine Werkzeuge: Umschulungen, Weiterbildungen, Workshops. „Sehr viele unserer Beschäftigten lassen sich darauf ein, aber es gibt auch jene, die noch nicht überzeugt sind“, sagt er.

Entsprechend durchwachsen sei die Stimmung bei den rund 17.000 Beschäftigten am Standort: In einem Bereich herrsche Aufbruchstimmung, in einem anderen Teil der Belegschaft sei der Wandel noch nicht angekommen. 

Momentan befinde sich der Standort in verschiedenen Phasen der Transformation: Während es in der Gießerei und im Karosseriebau im Wesentlichen um andere Teile geht, die gefertigt werden, muss der Getriebebau neu gedacht werden.

Grundsätzlich sei das Werk als Ganzes gut aufgestellt. So werde das Volumengetriebe DQ 381 in den nächsten fünf Jahren den größten Mitarbeiterbedarf haben. Die Stückzahl des volumenstärksten VW-Hybridgetriebe DQ 400e werde derzeit hochgefahren.

Die Transformation

Das Werk Kassel besteht quasi aus mehreren Fabriken: Getriebe und E-Antriebe, Warmumformteile und Europas größte Leichtmetallgießerei, Abgasanlagen und Lackiererei: „Für all diese Bereiche brauchen wir Mitarbeiter mit dem richtigen Know-how.“ Transformation fängt daher bei den Auszubildenden an: So gibt es den jungen Ausbildungsberuf zum IT-Systemelektroniker, der in der Produktion arbeiten wird. 

Volkswagen brauche aber weiterhin Ingenieure, Industriemechaniker Automobilbau und auch Zerspannungsmechaniker. „Damit werden wir noch über viele Jahre unser Geld verdienen“, sagt Korzinovski. Bereits heute werden die sogenannten alten Berufe an die neuen Herausforderungen angepasst. Über 30 alte wie neue Ausbildungsberufe bietet VW an – auch daran lässt sich der Umbruch am Standort ablesen.

Das Werk ist gut aufgestellt, aktuell aber nicht gut genug. Das vorgegebene Budget aus Wolfsburg wurde um 70 Millionen Euro überschritten. Als Zulieferer steht der Standort intern wie extern unter Konkurrenzdruck, eine Überschreitung ist daher Gift für den Standort. „Unser Ziel ist in diesem Jahr die Null und wir sind auf dem guten Weg“, sagt Korzinovski. Das gilt auch für die aus Wolfsburg vorgegebene Umsatzrendite von sechs Prozent für alle Komponentenwerke – das bedeute: „Optimieren hört nicht auf.“

Die Herausforderung

Im Kern geht es darum, wie das Werk wirtschaftlich optimal in Bereichen zu steuern ist, in denen Produkte heruntergefahren werden. Das müsse aus Korzinovskis Sicht „nicht zwangsläufig Arbeitsverdichtung sein“. Es geht um Produktivität, um effizienten Personaleinsatz, um die Fragen: „Was regelt man über Technik, was macht man mit den Menschen? Die eine richtige Antwort auf all die Fragen, haben wir auch nicht in der Schublade.“

Korzinovskis Fokus liegt nicht auf Taktzeiten – und damit auf Arbeitsverdichtung –, sondern auf den Menschen die eine Montagelinie betreuen. Die Digitalisierung sei an vielen Bereichen „bereits sehr gut unterwegs, aber an machen Stellen wird noch zu viel händisch gemacht“, fasst der Werkleiter zusammen. Das gesamte Werk müsse für die Zukunft neu aufgestellt werden. Korzinovski sieht dies als Mannschaftsaufgabe: „Ich suche dabei das wir für den Standort.“

Der neue ID.3 von VW: Bis zu 500.000 E-Antriebe kommen jährlich aus Baunatal. VW-Händler im Landkreis Kassel äußern sich dazu, dass E-Autos nur noch ab Werk verkauft werden.

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