Wall Street im Ausnahmezustand

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Eisengitter der Polizei versperren den Weg an der Wall Street.

New York - Seit Tagen halten Demonstranten die Wall Street in Atem. Sie protestieren gegen die Macht der Banken und gegen die Kluft zwischen Arm und Reich. Die Finanzelite verschanzt sich hinter Absperrungen.

Eng geht es dieser Tage an der Wall Street zu. Schwere Eisengitter der Polizei versperren den Weg. Der verbliebene Platz reicht gerade noch aus, dass sich zwei Menschen aneinander vorbei schieben können. Angesichts der Masse an Leuten geht es nur im Schneckentempo voran. Banker treten sich gegenseitig in die Hacken, Anwohner fluchen über den Stau, Touristen fotografieren das Chaos.

Seit dem Wochenende herrscht Ausnahmezustand auf der New Yorker Finanzmeile. Demonstranten haben sich angekündigt. 20 000 sollten es werden und die Wall Street “für Monate besetzen“, wie die Organisatoren auf ihrer Website drohten. Gekommen sind am Samstag geschätzte 1000 bis 5000, so genau weiß das keiner. Am Sonntag waren es noch ein paar Hundert und bis zum späten Montag schrumpfte die Zahl auf ein paar Dutzend.

Doch dieser harte Kern will ausharren. Die bunt zusammengewürfelte Truppe hat sich im Internet gefunden, über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter organisiert, und protestiert nun “in echt“ gegen den Einfluss der Finanzlobby auf die Politik in Washington und die soziale Ungerechtigkeit in den USA. “Occupy Wall Street“ ist ihr Schlachtruf - “Besetzt die Wall Street“. Das ließ bei der Ordnungsmacht die Alarmglocken schrillen.

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Die Wall Street gleicht einer Festung. Panzersperren auf der Straße gehören in Zeiten des internationalen Terrorismus bereits zum Alltag, die zusätzlich aufgestellten Eisengitter sind aber selbst für die an Schikanen gewöhnten New Yorker eine Spur zu heftig. “Das ist bescheuert“, raunt eine Anwohnerin ihrer Begleiterin beim Verlassen des Fitnessstudios direkt gegenüber der Börse zu. “Du hättest hier mal am Wochenende sein sollen“, entgegnet die Angesprochene, bevor sich beide ins Gedränge auf dem Bürgersteig stürzen.

Die Absperrungen engen die Straße künstlich ein, sie sollen die Demonstranten daran hindern, in großen Gruppen durch den Finanzdistrikt zu ziehen. Doch am Montagnachmittag lässt sich kein einziger Protestler blicken. Die wenigen Übriggebliebenen kampieren ein paar Blocks entfernt im Zuccotti Park. Am Morgen hatte es ein paar Zusammenstöße gegeben und auch ein paar Festnahmen, jetzt herrscht Ruhe.

Die einzigen, die nun unter der erhöhten Sicherheit leiden, sind die Banker selbst. Sie müssen Umwege laufen. Die U-Bahn-Station Broad Street liegt im Bannkreis, sie ist komplett gesperrt. Als sich ein Rollstuhlfahrer und ein Postbeamter mit seinem Karren auf dem verbliebenen schmalen Bürgersteig begegnen, geht kurzzeitig gar nichts mehr.

“Das ist wegen der Proteste“, klärt ein Polizist einen Touristen auf. Das einzige Protestplakat, das der Besucher aber weit und breit zu sehen bekommt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Werbeschild: “Selected for Brilliance“ steht darauf, “Ausgewählter Glanz“. Es stammt ausgerechnet von einem örtlichen Diamantenhändler.

dpa

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