Nordhessen entwickelten und bauten weltweit erste Anlage zur Entsäuerung und Reinigung alter Schriften

Weltweit einzigartig: Waschvollautomat für Bücher

Volkmarsen/Helsa. Auf den ersten Blick wirkt sie unscheinbar: die erste vollautomatische Anlage zur Entsäuerung, Entschimmelung, Reinigung und Nachverleimung alter Bücher und Schriften. Der rote Kasten ist gerade einmal so groß wie eine gewerbliche Spülmaschine, in die ein Korb mit Büchern versenkt wird.

Aber wer die Peripherie sieht - so nennt der Fachmann das 20 Meter lange, drei Meter breite und zwei Meter hohe Geflecht von Edelstahlrohren, Pumpen, Ventilen, Klappen und elektronischen Steuereinheiten - kann erahnen, welch komplexe chemische Vorgänge sich im Innern der Anlage abspielen müssen. Denn gewaschen wird nicht mit Wasser und Spülmittel, sondern mit einem Gasgemisch aus Magnesiumoxid und Fluorkohlenwasserstoffen - in einem geschlossenen, hochdichten System - der Umwelt und den zum Teil wertvollen Büchern zuliebe.

Hintergrund:

Um 1840 begann in Europa die industrielle Fertigung von Papier aus Holz in größerem Stil. Bis dahin wurde Papier weit gehend von Hand in kleinen Manufakturen hergestellt. Durch die neuen Fertigungsverfahren blieben Harze und ätherische Öle im Papier, was zunächst auch keinen Schaden anrichtete. Aber im Laufe der Jahrzehnte wandeln sich diese Stoffe in Säure um und zerfressen das Papier. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden neuartige Produktionsverfahren eingeführt. Das Problem des Säurefraßes besteht seitdem nicht mehr. (jop)

Entwickelt wurde das eine Million Euro teure Unikat von Maschinenbauer Ingo Schmidt und Elektrotechniker Frank Künzli vom Ingenieurbüro Wästa in Helsa (Kreis Kassel) mit Hilfe der Fachhochschule Hannover, die sich unter anderem auf Reinigung und Erhalt alter Schriften spezialisiert hat.

Und Markus Schmand, passionierter Anlagenbauer und Chef des gleichnamigen Haustechnik-Spezialisten in Volkmarsen (Kreis Waldeck-Frankenberg), setzte die Pläne mit seinen Mitarbeitern und viel Liebe zum Detail zur weltweit einzigartigen Maschine um. Sie steht seit einigen Wochen beim Auftraggeber: der Gesellschaft zur Sicherung von schriftlichem Kulturgut mbH (GSK) in Pulheim unweit von Köln.

Die GSK hat sich dem mühsamen, aber lukrativen Geschäft mit der Reinigung und Entsäuerung von alten Büchern verschrieben. Mühsam, weil vom Verfall bedrohte oder verunreinigte Schriften bislang nur manuell, also Blatt für Blatt, behandelt werden konnten. Mit dem neuen Verfahren aus Nordhessen können laut Künzli 90 Bücher in einem zweieinhalbstündigen Waschgang gleichzeitig behandelt werden, und sobald eine zweite Waschvorrichtung an die komplexe Anlage angeschlossen wird, doppelt so viele - macht bis zu vier Tonnen Bücher im Monat.

Die Mengen sind da. „Es gibt einen Riesenbedarf“, weiß Schmidt. In zahlreichen Landes-, Bundes- und Kirchenarchiven, in Bibliotheken und Museen lagern unzählige vom Säurefraß bedrohte Bücher. Betroffen sind vor allem Papiere die zwischen 1840 und 1940 hergestellt wurden (siehe Hintergrund). Daher rechnen sich die findigen Konstrukteure Folgeaufträge aus - auch aus dem Ausland.

Die Idee, eine solche Anlage zu bauen, kam Schmidt durch seine langjährigen Kontakte zur Fachhochschule in Hannover, die auch an einem maschinellen Verfahren zur Buchentsäuerung arbeitete. Etwa acht Jahre lang tüftelten er und Künzli an einer Anlage, von der niemand so recht wusste, ob sie jemals funktionieren würde. Pläne wurden verworfen und wieder hervorgeholt. Es gab Rückschläge. Das Problem schien technisch nicht beherrschbar. „Doch dann hatten wir den Bogen heraus“, erinnert sich Schmidt an den Durchbruch. Nach weiteren zwei Jahren konsequenter Entwicklungsarbeit war das neue Verfahren geboren.

Von José Pinto

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