Weniger Wolfsburg: Neue Konzernstruktur soll Macht bei VW aufteilen

Mitten im Abgas-Skandal will sich VW neu aufstellen. Die Marken und Regionen sollen mehr Unabhängigkeit bekommen, Konzernchef Müller verspricht einen Neuanfang.

Man könnte meinen, Volkswagen hätte im Moment ganz andere Sorgen. Wegen des Abgas-Skandals rollen gewaltige Kosten auf den Konzern zu, zahlreiche Manager mussten gehen. Dennoch wollen die neuen starken Männer bei VW - Vorstandschef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch - jetzt eine großangelegte Strukturreform durchdrücken. Darüber hatte die Führungsetage schon lange vor dem Bekanntwerden der Diesel-Manipulationen gebrütet.

"Es wird nicht mehr alles hier in Wolfsburg entschieden werden", sagte Müller in seiner Rede auf der VW-Betriebsversammlung. "Schlanker und schneller" soll der Konzern werden: "Ich werde es zum Beispiel nicht akzeptieren, dass Dutzende Experten in Steuerkreisen sitzen müssen oder bei Abnahmefahrten herumstehen, während zu Hause die Arbeit liegen bleibt."

Der neue Chef verspricht nicht weniger als einen "Neuanfang", und auch der neue Oberaufseher Pötsch machte sich direkt nach seiner Wahl am Mittwoch für Veränderungen stark: "Darin sind sich alle Beteiligten einig", sagte er.

Bislang lief im globalen VW-Imperium alles über Wolfsburg. Vor allem Ex-Patriarch Ferdinand Piëch und der frühere Konzernchef Martin Winterkorn mussten zudem immer wieder Kritik für einen autoritären Führungsstil einstecken. Legendär ist ein Video von der Automesse IAA, in dem Winterkorn einen Designer zusammenfaltet. "Da scheppert nix", lobt er einen Wagen des Konkurrenten Hyundai, in dem er gerade sitzt. Sein Mitarbeiter muss die öffentliche Standpauke über sich ergehen lassen.

Mit dem Kommando-Ton im Konzern soll jetzt Schluss sein. "Ich mag es, wenn ein Mitarbeiter für seine Überzeugung einsteht und mit guten Argumenten dafür kämpft", sagt Müller. "Konstruktive Kritik ist bei mir auf allen Ebenen erlaubt." Konzernbetriebsratschef Bernd Osterloh fordert seit langem einen "grundlegenden Kulturwandel" bei VW. Man müsse auch mit den Chefs "um den besten Weg streiten" dürfen.

Beobachter geben einem "Klima der Angst", das bei VW geherrscht haben soll, auch eine Mitschuld daran, dass die Manipulationen an den Dieselmotoren von 11 Millionen Autos so lange unter dem Teppich blieben. Ob der Betrug möglicherweise nicht doch bis nach ganz oben durchdrang, aber schlichtweg niemand reagieren wollte, muss erst noch geklärt werden. Das VW-Spitzenpersonal bestreitet das bislang.

Der Kulturwandel bei VW ist das eine - aber hätte der Strukturwandel, die neue Ordnung im Konzern, Schlimmeres verhindern können? Das Schlagwort beim Umbau lautet Dezentralisierung. Künftig sollen die Marken und Regionen mehr Verantwortung bekommen. "Ich finde es nur vernünftig, dass man etwas Neues ausprobiert", sagt Nord-LB-Autoexperte Frank Schwope. "Der Konzern ist inzwischen so groß, dass er nicht mehr zentral zu führen ist."

Fest steht zunächst: Einzelne Konzernmarken werden zu Markengruppen zusammengefasst. Audi, Ducati und Lamborghini bilden einen Verbund; die Luxus-Marken Porsche, Bentley und Bugatti einen weiteren. Im VW-Konzern richtet sich viel an einer Gleichteile-Strategie aus, dem sogenannten Baukastenprinzip.

Vor allem bei den drei Volumenmarken VW, Skoda und Seat werden auf der Basis eines Baukastens Modelle für alle drei Marken konstruiert. Das kann beim Einkauf und bei der Entwicklung Geld sparen. "Bei den Markengruppen wird es sicher um eine Hierarchie gehen, dass neue Modelle zuerst von der wichtigsten Marke der Gruppe eingeführt werden", vermutet Schwope.

Doch gerade bei den Volumenmarken soll es keine Markengruppe geben - im Sommer war das dem Vernehmen nach noch geplant. Dafür sollen neben VW künftig auch Skoda und Seat im Konzernvorstand vertreten sein, allerdings nicht wie die Kernmarke VW Pkw durch den Markenvorstand.

Zwei Vorstände sollen jeweils eine "Patenschaft" für eine der Marken übernehmen, wie die Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX aus Konzernkreisen erfuhr. Für die spanische Tochter Seat werde das VW-Beschaffungsvorstand Francisco Sanz übernehmen. Auch die Regionen sollen mehr Gewicht erhalten - vor allem Nordamerika, wo auch der Abgas-Skandal begann.

Hat VW mit der Strukturreform also aus dem Skandal gelernt? Zwar verknüpft Müller die neue Ordnung bei dem Autobauer geschickt mit dem Neuanfang, den er in der Unternehmenskultur durchsetzen will. Viel miteinander zu tun haben beide Pläne aber auf den ersten Blick nicht. "Vor einem solchen Skandal wie bei VW ist kaum ein großer Konzern sicher", sagt Autoexperte Schwope, "egal wie er aufgestellt ist."

Am Ende wird die neue Struktur vor allem an Ergebnissen gemessen werden: Gewinnen und Margen. Doch bis sich hier die Reform bemerkbar machen kann, dürfte es noch eine Weile dauern - erst einmal muss VW den Schaden der Affäre beheben. In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erteilte Konzernchef Müller einem allzu raschen, radikalen Kurswechsel schon mal eine Absage: "Ich halte nichts von Revolution." (dpa)

Rubriklistenbild: © AFP

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