Werkleiter Becker: VW-Werk Kassel besetzt mit dem E-Antrieb neues Feld

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Prof. Dr. Hans-Helmut Becker (61) leitet das VW-Werk Kassel in Baunatal seit 2006. Zuvor war er für VW-Bordnetze zuständig. Becker studierte Elektrotechnik sowie Betriebswirtschaftslehre und promovierte im Gießereiwesen. Er ist Vater eines Sohns und lebt mit seiner Frau in Borken-Nassenerfurth. In seiner Freizeit jagt er gern.

Volkswagen wird die Motoren für die Elektroautos im Werk Kassel in Baunatal bauen. Dies gab Werner Neubauer, Chef des VW-Geschäftsbereichs Komponente, am Donnerstagnachmittag bekannt. Darüber sprachen wir mit Werkleiter Hans-Helmut Becker.

Was bedeutet die Entscheidung für den Standort?

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Prof. Hans-Helmut Becker: Für das VW-Werk Kassel ist sie eine zukunftsweisende strategische Entscheidung des Konzerns und somit auch für die Mitarbeiter. Für jene, die seit 2008 am Projekt gearbeitet haben, ist es eine Bestätigung ihrer hervorragenden Leistung.

Werden die E-Motoren in zwanzig Jahren die Bedeutung der Otto-Motoren haben?

Becker: Das braucht mehr Zeit. In den nächsten zwanzig Jahren wird der E-Antrieb weder den Otto- noch den Dieselmotor verdrängen, aber die Zahl der hybriden Antriebe wird deutlich steigen. Vorerst sind reine E-Antriebe eine Ergänzung.

Woran hätte es scheitern können, dass das Werk Kassel den Zuschlag bekommt?

Becker: Wir stehen, wie bei allen Produkten, 100-prozentig im internationalen Wettbewerb. Sind wir in punkto Technik und Wirtschaftlichkeit nicht besser, haben wir keine Chance, das Produkt hier am Standort zu fertigen. Diese beiden wichtigen Vorraussetzungen hat meine hochmotivierte Mannschaft vorbildlich gemeistert.

Warum war die Entscheidung im Ausschuss Make-or-Buy (machen oder kaufen) so schwierig?

Becker: Entscheidend ist, dass die Entwicklung in Wolfsburg bei unserem E-Antrieb gegenüber dem Wettbewerber keinen Nachteil sieht. Ist diese Grundlage erfüllt, müssen die wirtschaftlichen Größen, wie zum Beispiel Kapitalrendite unter dem Strich stimmen. Ausschlaggebend waren dabei die Kosten für die Prototypen und die Serienfertigung. Unser Vorteil war es, dass wir Geld aus dem Innovationsfonds des Konzerns nutzen konnten.

Der Fonds ist Teil des Beschäftigungssicherungspaktes. Wie hat denn die hausinterne Konkurrenz reagiert?

Becker: Es gab keine. Wir haben deutlich früher mit der Entwicklung begonnen. Das Novum ist, dass die Entscheidung für einen kompletten Antrieb mit Motor und Getriebe gefallen ist, mit der wir ein gänzlich neues Feld im Werk besetzen. Die vorhandenen technologischen Kompetenzen in Getriebebau, Presswerk und Gießerei haben für uns einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil gehabt. So konnten wir zum Beispiel das Gehäuse mit filigraner Kühlung neu entwickeln. Mit dieser Technologie haben wir uns ein Alleinstellungsmerkmal erarbeitet.

Wie hoch waren die Investitionskosten ?

Becker: Um die Serienfertigung aufzubauen, werden knapp zehn Millionen Euro investiert. In den vergangenen drei Jahren haben wir insgesamt eine Million Euro über zwei Tranchen aus dem Innovationsfonds erhalten. Damit haben wir den Grundstein für die jetzige E-Maschine gelegt. In dieser Million sind nicht die Personalkosten der rund 50 Entwickler enthalten. Vorhandene Ressourcen – technisch wie personell – wurden ebenfalls genutzt.

Mit welcher Stückzahl läuft die Fertigung 2013 an?

Becker: Wir starten mit dem E-Antrieb für den e-Up mit knapp 10 000 Stück pro Jahr.

Wie wirkt sich dies auf die Beschäftigung aus?

Becker: Wir werden vermutlich im Werk weitere Leiharbeiter übernehmen. Aber in der Fertigung des E-Antriebs wollen wir mit der Stammbelegschaft arbeiten. Wie viel Personal letztlich in dieser Fertigung arbeiten wird, können wir zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Derzeit sind es knapp 100 Beschäftigte, allerdings mit sehr viel Handfertigung.

Werden Entwickler-Kompetenzen nach Wolfsburg gehen?

Becker: Nein, wir arbeiten bereits sehr intensiv und gut mit der technischen Entwicklung von Entwicklungsvorstand Ulrich Hackenberg in Wolfsburg und Isenbüttel zusammen. Das läuft hervorragend. Zurzeit sind mehrere Entwickler aus Kassel bereits dauerhaft in Wolfsburg.

Wo wird im Werk künftig die E-Traktion gefertigt?

Becker: Vorerst werden wir freie Kapazitäten in der Halle drei in der MQ350-Getriebe-Fertigung nutzen. Mein Ziel ist es, dass wir mit der E-Traktion und einem neuen Getriebe in Halle sechs umziehen. Sie wird derzeit noch vom Vertrieb Originalteile genutzt. Die Verantwortung für die mechanische Fertigung und die Montage des E-Antriebs soll die Mannschaft der MQ 350 Fertigung übernehmen.

Von Martina Wewetzer

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