Wintershall schreibt trotz niedriger Rohstoffpreise Gewinne

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Manchmal wird es ziemlich rau: Die BASF-Tochter Wintershall fördert weltweit Öl und Gas. Das Foto zeigt die Ölproduktionsplattform Brage vor Norwegen. 

Kassel. Sturmfestes Geschäft bei Wintershall: Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall schreibt trotz niedriger Rohstoffpreise Gewinne.

In erster Linie wegen des Wegfalls des Gashandelsgeschäfts, aber auch wegen des Öl- und Gaspreisverfalls sackte der Wintershall-Umsatz 2016 um 79 Prozent auf 2,76 Milliarden Euro ab.

Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) sank vor Sondereinflüssen um 62 Prozent auf 517 Millionen Euro. Die Marge, das Verhältnis von Ebit zu Umsatz, stieg gleichzeitig jedoch von 10,5 auf 18,6 Prozent. Die 100-prozentige BASF-Tochter Wintershall beschäftigt weltweit knapp 2000 Mitarbeiter. Die Investitionen beliefen sich auf 1,1 Milliarden Euro. Die Förderung entsprach 2016 einer Menge von 165 Millionen Barrel Öl. Ein Barrel sind 159 Liter.

Das günstigste Erdgas, das wir importieren können, kommt nun einmal aus Russland“: An der Bedeutung des Putin-Reichs für die deutsche Energieversorgung ist für Mario Mehren, Chef des größten deutschen Öl- und Gasförderers Wintershall, ebenso wenig zu rütteln wie an der Beziehung zum Kremlnahen Gazprom-Konzern, dem Herrn über die größten Gasreserven der Welt.

Die deutsch-russische Bohrfreundschaft wird seit Jahrzehnten mit sibirischen Gefrierfachtemperaturen ebenso fertig wie mit politischen Eiszeiten. Gazprom und die Kasseler BASF-Tochter stecken Milliarden in die Ausbeutung von Gasvorkommen im Permafrostboden, Wintershall ist ein Anteilseigner der Ostseeleitung Nord Stream, die russisches Gas nach Deutschland bringt und gehört zu den Finanzierern des geplanten Fortsetzungsprojekts Nord Stream 2.

Im bislang spektakulärsten Deal übernahm Gazprom das zuvor gemeinsame Speicher- und Gashandelsgeschäft samt den Kasseler Unternehmen Wingas und Astora komplett und erhielt Anteile an der Gasförderung in der niederländischen Nordsee. Wintershall bekam dafür 25 Prozent plus einen Anteil an einem Erdgasfeld der westsibirischen Achimov-Formation. Der Mutterkonzern BASF trennte sich von gut zehn Milliarden Euro Umsatz. Seit 2015 konzentriert sich Wintershall ausschließlich auf die Öl- und Gasförderung. Die Bilanz ist seitdem kräftig geschrumpft, die Gewinnspanne aber gestiegen: Richtig Geld verdient wird am Bohrloch.

Dafür setzt Wintershall weltweit in wichtigen Förderregionen den Bohrer an. So kauften die Nordhessen der norwegischen Statoil Beteiligungen an Öl- und Gasfeldern vor der Küste des skandinavischen Landes ab. Norwegen ist nach Russland der wichtigste Gaslieferant Europas. Weitere Schwerpunkte sind die niederländische Nordsee, Argentinien, Nordafrika und der Mittlere Osten – und nicht zuletzt Deutschland. An der Ölförderplattform Mittelplate im Wattenmeer sind Wintershall und DEA je zur Hälfte beteiligt, auch in Niedersachsen und Bayern holt Wintershall Öl und Gas aus dem Boden.

Mario Mehren

Anders als einige Konkurrenten schreibt Wintershall trotz niedriger Rohstoffpreise noch immer solide Gewinne. Mit Durchschnittskosten von neun Dollar pro Barrel (159 Liter) Öläquivalent produziert das Unternehmen nach eigenen Angaben weitaus günstiger als die Branchenkollegen. Doch die Gewinne sind gesunken. Wintershall investiert weiterhin Milliarden, rechnet aber auch mit spitzem Stift. Besonders teure Projekte wurden zurückgestellt, Arbeitsabläufe auf Effektivität abgeklopft und auch die deutschen Standorte bekommen zu spüren, dass das Geld nicht mehr so sprudelt wie einst: Bis Ende 2020 sollen in Kassel 70 von 655 Stellen gestrichen werden und an drei deutschen Förderstätten 130 von 550 Arbeitsplätzen wegfallen. Allerdings war die Belegschaft dort nach Angaben von Wintershall seit 2010 um gut ein Drittel gestiegen.

Das Sorgenkind der Gegenwart jedoch heißt Libyen. Die Produktion in dem politisch instabilen Land bleibt weit hinter ihren Kapazitäten zurück, mit dem staatlichen Ölkonzern NOC gab es Streit um Abgaben und Verträge. Trotzdem will sich Wintershall nicht zurückziehen. „Wir haben die Anlagen, und wir haben Verantwortung für die 500 Mitarbeiter dort“, sagt Wintershall-Chef Mehren. „Wir produzieren, wann immer man uns lässt.“

Die Geschichte von Wintershall im Überblick

Der größte deutsche Öl- und Gasförderer Wintershall hat seine Wurzeln im Kalibergbau – ein Überblick über die Geschichte des Unternehmens.

  • 1894: Carl Julius Winter und Heinrich Grimberg gründen in Bochum Wintershall. Der Unternehmensname leitet sich dem Nachnamen des Gründers und dem germanischen Wort „Hall“ für Salz ab – zunächst bohrte die Firma im hessischen Heringen nach Kalisalz.
  • 1930: In einem Kalischacht stößt das Unternehmen auf Öl. Der Fund erweist sich als zukunftsträchtig.
  • 1951: In der Grafschaft Bentheim wird Erdgas gefunden.
  • 1969: Wintershall wird vom Ludwigshafener Chemiekonzern BASF übernommen. Der Kalibergbau wird ein Jahr später in die Kali & Salz AG, den heutigen K+S-Konzern eingebracht. Wintershall konzentriert sich seitdem auf Öl und Gas.
  • 1990: Wintershall schließt mit der russischen Gazprom einen Vertrag über die Vermarktung von russischem Erdgas in Deutschland, West- und Osteuropa.
  • 1993: Wintershall und Gazprom gründen den Ferngashändler Wingas mit Sitz in Kassel.
  • 1999: Wintershall und Gazprom vereinbaren die gemeinsame Öl- und Gasförderung in Russland und in anderen Staaten.
  • 2002: Die Übernahme der Clyde Nederlands B.V. macht Wintershall nach eigenen Angaben zu einem der größten Erdgasproduzenten in der südlichen Nordsee.
  • 2009: Wintershall übernimmt die norwegische RevusEnergy ASA, die Lizenzen an Öl und Gasfeldern vor der Küste des Landes hält. Die Förderung in Norwegen wird in den Folgejahren stark ausgebaut.
  • 2012: Wintershall und Gazprom vereinbaren den milliardenschweren Tausch von Vermögenswerten. Das politisch umstrittene Geschäft wird wegen der Ukraine-Krise zunächst auf Eis gelegt, 2015 aber rückwirkend vollzogen.

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