Ein spezielles Verdickungsmittel soll bei der Rohstoffförderung helfen – erster Feldversuch 2012

Neuartige Ölförderung: Wintershall gibt 41 Mio. Euro für einen Pilz aus

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Neue Verfahren für die Ölförderung: In Kassel und in Ludwigshafen wird am Pilz-Projekt gearbeitet. Das Bild zeigt Bernd Leonhardt von Wintershall und seine Kollegin Julia Schmidt von BASF.

Kassel / Ludwigshafen. Der Pilz sprießt auf totem Holz, graubraun und unscheinbar. Dem Kasseler Öl- und Gasproduzenten Wintershall ist das lappige Gewächs Investitionen von 41 Millionen Euro in vier Jahren wert.

Schizophyllum communis, so der botanische Name des Pilzes, soll bei der Erdölförderung helfen. Mit Stärke und Sauerstoff versorgt, entwickelt er ein Biopolymer, ein biologisches Verdickungsmittel, das mit Wasser in die Lagerstätte gepumpt werden soll. Durch die gelartige Substanz wird das Wasser zähflüssiger. Es drängt sich nicht mehr so leicht am Öl vorbei, sondern schiebt den Rohstoff vor sich her aus der Lagerstätte heraus.

Das weiße, watteartige Geflecht des Pilzes (rechtes Bild) produziert das Polymer.

Mit den herkömmlichen Techniken, etwa Pumpen und Wasserflutung werden nur etwa 30 bis 40 Prozent eines Ölvorkommens aus dem Boden geholt. Mit der Polymer-Methode ließe sich die Ausbeute auf bis zu 45 Prozent steigern, schätzt Wintershall.

Zurzeit ist der Pilz noch im Labor der Wintershall-Muttergesellschaft BASF in Ludwigshafen zuhause. In einem 3000-Tank produziert er sein Polymer Schizophyllan, einen Stoff, der im wesentlichen aus Zuckerbausteinen besteht und biologisch abbaubar ist. Der erste Feldversuch soll im kommenden Jahr im niedersächsischen Bockstedt starten. 30 Tonnen Polymer im Jahr werden dafür gebraucht, sagt Foppe Visser, Forschungsleiter bei Wintershall.

Weil das Wasser nur vier Prozent Schizophyllan enthält, hieße das, im Jahr 750 000 Liter Flüssigkeit von Ludwigshafen zum Versuchsfeld zu transportieren – zwei Tanklaster pro Woche. Für ein großes Ölfeld wären hingegen 10 000 Tonnen Polymer jährlich nötig. Sie werden voraussichtlich vor Ort produziert werden. Sechs bis zehn Jahre könnte ein Ölfeld mit der Polymer-Lösung geflutet werden.

Die Pilzmethode soll in einem zweiten Feldversuch möglicherweise 2018 getestet werden, am besten bei der Ölförderung im Meer. Beim Einsatz hat Wintershall jedoch nicht in erster Linie die eigenen Vorkommen im Auge: „für unseren Eigenbedarf allein entwickeln wir das Biopolymer nicht“, sagt Visser über den Pilz.

Weg zu neuen Vorkommen

Diesem eröffnet sich vielmehr ein weltweites Einsatzfeld. Denn geeignet ist das Polymer-Verfahren vor allem für Vorkommen in heißer und salzhaltiger Umgebung – und das gilt für die Hälfte der heutigen Ölquellen. Mit der Pilz-Technologie wäre Wintershall für viele Ölgesellschaften ein interessanter Geschäftspartner. Die BASF-Tochter, die im vergangenen Jahr 10,8 Milliarden Euro umsetzte und 5,8 Millionen Tonnen Öl förderte, bekäme so Zugang zu neuen Reserven.

Die Erschließung und Förderung von Öl- und Gasvorkommen wird technologisch immer anspruchsvoller. Bei der hohen Rohstoff-Nachfrage rechnen sich auch aufwändige Verfahren wie der millionen-teure Baumpilz. „Beim jetzigen Ölpreis“, sagt Visser, „würde es sich lohnen.“

Von Barbara Will

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