Umbau des Kasseler Öl- und Gasförderers

Wintershall trotzt den niedrigen Preisen: „Wir sind wetterfest“

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Energie aus dem Kühlschrank Europas: Wintershall wird weiterhin in die sibirischen Gasfelder investieren. Das Foto zeigt Bohrarbeiten in der Nähe von Novy Urengoi.

Kassel. Der Kasseler Öl- und Gasförderer Wintershall verdaut die Folgen seiner Neuausrichtung.

Im September 2015 hatte die BASF-Tochter den Gashandel und das Speichergeschäft sowie eine Beteiligung an der niederländischen Nordsee-Förderung an die russische Gazprom abgegeben und dafür Anteile an sibirischen Gasfeldern erhalten.

Der spektakuläre Tausch ließ 2016 die Bilanz gewaltig schrumpfen. Der Umsatz der Wintershall-Gruppe sackte um 79 Prozent auf 2,76 Milliarden Euro ab, der Gewinn war mit 362 Millionen Euro nur noch ein Drittel so hoch wie im Vorjahr. Zudem die anhaltende Talfahrt bei den Öl- und Gaspreisen Wintershall das Geschäft verdorben. Vorstandschef Mario Mehren hakt das schwierige Jahr mit einigem Optimismus ab: Wintershall habe die Herausforderungen besser gemeistert als die Konkurrenz, sagte er gestern bei der Vorlage der Bilanzzahlen in Kassel. Und betont: „Es bleibt stürmisch. Aber wir sind wetterfest.“ Wintershall finde „Öl und Gas, mit dem man Geld verdient.“

Und das soll wieder mehr werden: Für 2017 stellte Mehren einen Umsatzanstieg von fünf Prozent in Aussicht. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) soll um zehn Prozent zulegen, gerechnet bei einem Ölpreis von 55 Dollar (gegenwärtig 50,89 Euro) je Barrel und einem Eurokurs von 1,05 Dollar. Auf dem Weg dahin steht die BASF-Tochter auf der Kostenbremse und tritt gleichzeitig bei den Investitionen aufs Gas. Rund 200 Millionen Euro hat Wintershall im vergangenen Jahr eingespart – mit effizienterer Arbeit aber auch mit dem Verzicht auf besonders teure Projekte. Doch auch am Stammsitz Kassel geht das Sparprogramm nicht vorbei: Zeitverträge wurden nicht mehr verlängert, neue nicht abgeschlossen. Die Zahl der Beschäftigten werde sich jedoch nicht stark verändern. In Kassel arbeiten rund 600 Menschen für Wintershall, weitere 300 bei der Gastransport-Tochter Gascade.

Bis 2021 will Wintershall insgesamt 4,4 Milliarden Euro in den Ausbau der Öl- und Gasaktivitäten stecken. Das Geld fließt in Regionen, in denen die Förderung wenig kostet, so nach Argentinien und Russland, aber auch die Produktion in Norwegen soll ausgebaut werden. Im vergangenen Jahr förderte Wintershall eine Menge von Öl und Gas, die 165 Millionen Barrel à 159 Liter entspricht. Bis 2018 soll die Produktion 190 Mio. Barrel erreichen.

Günstige Produktion

Das Entscheidende ist jedoch weniger die Menge als die Kosten, mit denen sie vom Polarkreis bis Feuerland aus dem Boden geholt wird. So gesehen zählt sich Wintershall zu den besten: Die Produktionskosten für ein Barrel Öläquivalent – eine Größe, die Erdöl und Gas umfasst – liegen nach Mehrens Worten bei neun Dollar und damit weit unter dem Branchendurchschnitt. Auch beim Aufspüren und Entwickeln der Reserven kommen die Kasseler deutlich günstiger weg als die Konkurrenten. 

Hängepartie - wie geht es weiter mit Nord Stream2?

Wintershall, die Konzernmutter BASF und Gazprom suchen weiter nach einer Lösung für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2: "Wir prüfen Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen", sagte Wintershall-Chef Mario Mehren. An der bereits in Betrieb befindlichen Parallelleitung, die jährlich 55 Milliarden Kubikmeter Gas von Russland nach Greifswald transportiert, ist Wintershall zu 15,5 Prozent beteiligt. Die Mehrheit liegt bei der russischen Gazprom. Vom geplanten Bau der Nord Stream 2 zogen sich westliche Partner jedoch zurück, nachdem die polnischen Kartellbehörden Bedenken angemeldet hatten. Wie eine Beteiligung aussehen könnte, ließ Mehren allerdings offen.

Russlands Präsident Wladimir Putin verteidigte gestern nach einem Gespräch mit BASF-Chef Kurt Bock Nord Stream 2 als rein wirtschaftliches Projekt, das sich nicht gegen Partner richte, auch nicht gegen die Ukraine. Sie befürchtet, als Gas-Transitland ausgeschaltet zu werden. Die EU-Kommission sieht das Vorhaben skeptisch. (wll/dpa)

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