Er führt Familienunternehmen in vierter Generation

Unternehmer Max Viessmann: Wir kommen gut durch die Krise

Max Viessmann ist Co-Vorstandschef des Heizungs- und Klimaspezialisten Viessmann.
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Max Viessmann ist Co-Vorstandschef des Heizungs- und Klimaspezialisten Viessmann.

Der Heizungs- und Klimaspezialist Viessmann aus Nordhessen wird bereits von der vierten Familiengeneration geführt. Wir sprachen mit dem Co-Vorstandsvorsitzenden Max Viessmann (31).

Herr Viessmann, wie man hört, haben Sie kein eigenes Büro. Wo arbeiten Sie stattdessen?
Mein liebster Ort ist eigentlich mitten auf dem Firmencampus, unter anderem in unserem neuen Mitarbeiter-Treffpunkt „The Vi“, wo man sehr gut mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt kommen kann. Aber ich bin auch gerne weltweit unterwegs, um in anderen Ländern Mitglieder der Viessmann-Familie zu treffen. Und ja, ich habe kein eigenes Büro. Mit meinem Führungsteam bin ich oft in einem großen gemeinsamen Büroraum. Ich bin aber auch viel in Videokonferenzen –durch Corona natürlich noch mal mehr als zuvor. Mittlerweile ist das auch viel akzeptierter und kein Zeichen von Desinteresse mehr. Die Menschen wissen das als einfache Art, miteinander zu interagieren, zu schätzen. Das bringt uns emotional und inhaltlich näher in Zeiten, in denen wir rein physisch auf Distanz gehen müssen.
Sie haben also schon Erfahrung mit virtuellen Konferenzen – hat das zu Beginn der Pandemie geholfen?
Für uns als Familienunternehmen, das sehr eng mit seinen Partnern zusammenarbeitet, fehlt die persönliche Nähe schon sehr. Intern nutzen wir schon seit etwa fünf Jahren diese Formen der digitalen Zusammenarbeit und Kommunikation. Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass es wichtig ist, sich richtig in die Augen schauen zu können.
Sie führen das Unternehmen in der vierten Generation, Ihr Vater Martin Viessmann ist als Verwaltungsratsvorsitzender Ihr Chef. Wie sehr verschwimmen da die Grenzen von Familie und Beruf?
Einerseits sehe ich das als ein großes Privileg, mit jemandem zusammenarbeiten zu können, mit dem ich sowohl im Beruf als auch im Privaten wirklich jede Frage offen diskutieren kann. Das basiert auf Vertrauen und Wertschätzung, das woanders sicher nicht erreicht werden kann. Das ist ein großer Vorteil von Familienunternehmen – insbesondere, wenn man sich dieses Privilegs bewusst ist und es pflegt. Andererseits ist es natürlich so, dass Unternehmen und Familie immer gleichzeitig stattfindet. Ich habe als Kind nie hinterfragt, wenn mein Vater beim Frühstück aufgestanden ist und per Telefon aktuelle Verkaufszahlen abgefragt hat. Das ist für mich selbstverständlich gewesen.
Treffen Sie alle Entscheidungen gemeinsam?
Entscheidungen werden immer im gesamten Führungsteam, zu dem auch mein Vater gehört, getroffen. Wenn wir –- was sehr selten vorkommt – mal nicht einer Meinung sind, werden Entscheidungen trotzdem gemeinsam getragen. Mein Vater und ich investieren viel Zeit füreinander, damit jeder auf demselben Stand ist und versteht, in welchem Kontext Entscheidungen getroffen werden. Wenn ich auf die vergangenen fünf Jahre zurückschaue, hat mir diese Zusammenarbeit ermöglicht, viele Fehler nicht zu machen. Durch den Austausch mit meinem Vater und dem Erfahrungsschatz des Unternehmens konnte ich viele Lernkurven abkürzen. Er hat mir immer offengelassen, ob ich seiner Empfehlung folge oder meinen eigenen Weg gehe. Dadurch konnte ich dann doch auch noch meine eigenen Erfahrungen machen.

Zwei Generationen können gemeinsam immer viel mehr erreichen als eine allein.

Max Viessmann
Sie sind mit 26 Jahren als Digitalchef zu Viessmann gekommen. Wie wurden Sie im Unternehmen mit seinen rund 12.000 Beschäftigten weltweit aufgenommen?
Mit diesem Thema setze ich mich heute viel bewusster auseinander, als ich es damals getan habe – besonders dann, wenn ich von anderen Unternehmensnachfolgern nach meinen Erfahrungen gefragt werde. Da merke ich, dass ich heute die eine oder andere Sache wohl anders machen würde als damals. Ich habe es aber immer als Privileg empfunden, mit unseren tollen und leidenschaftlichen Mitgliedern der Viessmann-Familie zusammenarbeiten zu können und viel zu gestalten. Ich bin also sehr wohlwollend aufgenommen worden, wenngleich ich auch auf sehr fruchtbaren Boden gestoßen bin.
Welche Tipps geben Sie anderen Nachfolgern in Familienunternehmen mit auf ihren Weg?
Das Wichtigste aus meiner Sicht ist die Frage des Warums. Warum tue ich das, was ich tue? Warum gibt es das Unternehmen und warum sollte es das auch in der Zukunft weiter geben? Also was ist das Leitbild? Das verrät sehr viel darüber, wie man ein Familienunternehmen langfristig weiterentwickeln kann. Was den Generationenübergang angeht, so muss man sich bewusst sein, dass zwei Generationen gemeinsam immer viel mehr erreichen können als eine allein. Es müssen sowohl die Erfahrungen als auch die Ideen für die Zukunft wertgeschätzt werden, und dafür muss sich auch Zeit genommen werden. Das ist in beide Richtungen extrem wichtig.
Wie sieht es mit der Vereinbarkeit von Beruf und der eigenen Familie aus?
Das betrifft jetzt nicht nur Familienunternehmen, aber man braucht klare Routinen. Das ist in meinem Fall leider auch manchmal ein Wunschbild. Familie muss eingeplant werden. Ich versuche, jeden Morgen so zu gestalten, dass ich Sport gemacht habe, meine Mails gelesen habe und dann noch Zeit mit meiner Familie verbringen kann.
Viessmann macht mehr als die Hälfte seines Geschäfts im Ausland. Wie hat sich die Pandemie auf das Unternehmen ausgewirkt?
Wir sind sehr stark in China vertreten und haben so schon im Januar und Februar mitbekommen, was auf uns zukommt. Das waren massive Auswirkungen auf den Vertrieb in einem Land, das nicht im Lockdown, sondern wirklich im Shutdown war. Außerdem galt es, die Produktion so zu organisieren, dass wir weiterhin lieferfähig waren. Dadurch haben wir früh verstanden, dass dieses Virus nicht nur eine Grippe ist und uns lange betreffen wird. Wir hatten von April bis Juni große Umsatzrückgänge in einzelnen Regionen. Wir haben es dennoch geschafft, die Lieferketten aufrechtzuhalten. Unter dem Strich kommen wir gut durch die Krise, auch wenn es noch zu früh ist, das abschließend zu beurteilen.
Viessmann hat Mitte April angefangen, Beatmungsgeräte zu produzieren. Wie kam es dazu?
An erster Stelle stand natürlich die Gesundheit unserer Mitarbeiter. Im zweiten Schritt haben wir uns gefragt, wie wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden können. Wir haben Masken und Desinfektionsmittel selbst produziert, aber angesichts der furchtbaren Bilder aus Norditalien auch etwas gegen zu knappe Beatmungskapazitäten tun wollen. Wir haben mehrere hundert Geräte produziert, die wurden Gott sei Dank aber noch nicht gebraucht. In einer Extremsituation wären diese Geräte einsetzbar, auch wenn das Zulassungsverfahren noch läuft. Derzeit setzen wir uns vor allem mit Frischluftlösungen für Schulen auseinander, um auch in der Pandemie die Bildungsgleichheit gewährleisten zu können. Diese Lösungen sollen auch nach der Pandemie für bessere Luft und damit bessere Lernfähigkeit der Schüler sorgen. Damit wollen wir bald in den Markt gehen.

In Zeiten von Corona ist zudem noch einmal zusätzlich klar geworden, warum Nordhessen ein toller Standort ist. 

Max Viessmann
Das Viessmann-Hauptwerk sitzt inmitten der nordhessischen Provinz. Wie erreicht man von hier aus den Weltmarkt?
Das Herz von Viessmann schlägt im Herzen Europas, von hier aus sind wir weltweit aktiv. In Ballungsräumen hat man vielleicht kürzere logistische Wege, aber nicht unbedingt auch kürzere Zeiten aufgrund des Verkehrsaufkommens. In Kassel und Marburg haben wir Universitäten, mit denen wir gut zusammenarbeiten. In Zeiten von Corona ist zudem noch einmal zusätzlich klar geworden, warum Nordhessen ein toller Standort ist. Wir sind unter anderem mitten in der Natur und trotzdem mit der Welt verbunden.
Sie sind Familienunternehmer, kennen aber auch die Welt der Start-Ups. Was können junge und traditionelle Unternehmen voneinander lernen?
In beiden Fällen muss klar sein: Warum kann mein Unternehmen in Zukunft einen Unterschied machen und wie möchten wir miteinander arbeiten? Start-Ups zeichnen sich besonders durch eine bedingungslose Kundenorientierung aus und fokussieren sich aufs Wesentliche, also die Kernidee. Da tun sich große Unternehmen schwerer, auch wenn wir bei Viessmann bewusst auf Vielfalt in unseren Tätigkeiten setzen.
Heizungen und Klimaanlage stehen nicht gerade für Klimaschutz - warum will Viessmann in diesem Bereich Vorreiter sein?
Durch unsere Produkte und Lösungen wurden im letzten Jahr 500.000 Tonnen Kohlendioxid eingespart. Wir sind also wesentlicher Teil der Lösung. In Deutschland kommen 45 Prozent des CO2-Ausstoßes aus dem Wärmesektor. Da steckt also auch das größte Einsparpotenzial. Wir wollen und können einen Beitrag dazu leisten, dass der Planet auch für kommende Generationen erhalten und lebenswert bleibt. (Gregory Dauber)

Zur Person: Max Viessmann

Maximilian Viessmann (31) ist Co-Vorstandsvorsitzender der Viessmann-Gruppe mit Sitz in Allendorf an der Eder, die weltweit mehr als 12.000 Menschen beschäftigt. Er studierte Wirtschaftsingenieurwesen in Karlsruhe und Darmstadt. Von 2013 bis 2015 arbeitete er als Unternehmensberater bei der Boston Consulting Group, ehe er als Digitalisierungsexperte in das Familienunternehmen einstieg. Seit 2017 führt er das Unternehmen als Co-Vorstandsvorsitzender gemeinsam mit Joachim Janssen. Viessmann lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in der nordhessischen Heimat.

Chronik: Die Entwicklung von Viessmann

  • 1917: Johann Viessmann gründet im bayerischen Hof an der Saale eine Schlosserei, die ab 1928 neuartige Heizkessel aus Stahl fertigt.
  • 1937: Das Unternehmen zieht nach Allendorf an der Eder um.
  • 1947: Hans Viessmann übernimmt die Unternehmensführung von seinem Vater.
  • 1969: Viessmann eröffnet ein Werk in Battenberg und hat rund 1400 Mitarbeiter.
  • 1972: Viessmann eröffnet ein Werk im Ausland: Frankreich.
  • 1992: Martin Viessmann übernimmt das Unternehmen von seinem Vater.
  • 1993: Viessmann steigt als Sponsor im Wintersport ein.
  • 2012: Die Viessmann Kühlsysteme GmbH wird Teil der Viessmann-Gruppe.
  • 2014: Viessmann bringt ein Brennstoffzellen-Heizgerät auf den Markt.
  • 2017: Maximilian Viessmann wird Co-Vorstandschef. Das Technologie-Zentrum Technikum wird eingeweiht. Es ist mit 50 Millionen Euro die größte Einzelinvestition der Firmengeschichte.

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