Analyse: Was wird aus den Boni? VW wird zum Praxistest der SPD

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Genossen unter sich: Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (links) und der damalige EU-Parlamentspräsident und heutige Kanzlerkandidat Martin Schulz bei der VW-Betriebsversammlung im Februar 2013 in Wolfsburg, kurz bevor der Erfolgsbonus für 2012 bekannt gegeben wurde. Im Hintergrund: Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh.

Warum die Frage nach Lohngerechtigkeit des Kanzlerkandidaten Schulz die Vorstände ausbremsen kann - eine Analyse von HNA-Redakteurin Martina Hummel.

Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich die Lohngerechtigkeit vorgenommen. Für den Sozialdemokraten könnte es ein Gewinnerthema im Wahlkampf werden - wäre da nicht Volkswagen mit den üppigen Vorstandsgehältern, über die auch SPD-Politiker im Aufsichtsrat bestimmen. Am 24. Februar treffen sich die Aufsichtsräte, um die Vorstandsbezüge bei VW festzulegen.

Gestern sickerte durch, dass die Vertreter Niedersachsens und die Betriebsräte darauf dringen, dass die Vorstandsbezüge gedeckelt werden sollen. So soll der VW-Chef künftig maximal zehn Millionen Euro Gehalt bekommen. Für andere Vorstände soll es eine geringere Vergütung geben.

Druck kommt auch von einem internen Gutachten, das im Kern feststellt, dass das Vergütungssystem nicht mehr im Einklang mit dem Corporate Governance Kodex stehe - den Richtlinien für gute Unternehmensführung. Knackpunkt soll sein, dass die Vorstände zu sehr mit Blick auf die (gute) Vergangenheit bezahlt würden, die schlechten Jahre der Abgaskrise aber nicht ausreichend berücksichtigt werden.

„Wenn ein Konzernchef in Deutschland einen ganzen Konzern durch seine Fehlentscheidungen zum Wanken bringt, kriegt er anschließend auch noch Boni dafür. Und wenn eine Verkäuferin durch einen kleinen Fehler auffällt, wird sie rausgeschmissen.“

Niedersachsen hält 20 Prozent an VW. Im Aufsichtsrat sitzen daher zwei Politiker: Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies, beide SPD. Weil ist auch Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrats, dem internen Machtzirkel. Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh, ebenfalls mit Sitz im Präsidium, ist nicht nur Mitglied der IG Metall, sondern auch der SPD. Seit Jahren genehmigt auch das Trio hoch dotierte Verträge wie zuletzt bei der Vorstandsfrau Christine Hohmann-Dennhardt, der Ex-Verfassungsrichterin und hessischen SPD-Justizminsterin.

Im Fall Hohmann-Dennhardt bedeutet dies: knapp sieben Millionen Euro in Aktienoptionen - als Ersatz für entgangene Vergütungen bei Daimler, wo die Juristin zugunsten von VW vorzeitig aus ihrem Vertrag ausgestiegen war. Gezahlt wurde zudem ein reguläres Gehalt für 13 Monate von gut 1,7 Millionen Euro plus fast zwei Jahresgehälter als Abfindung für die entgangene Arbeitszeit - macht zwölf Millionen Euro zum Abschied. Zusätzlich zahlt VW auch noch 8000 Euro Rente pro Monat, ab Januar 2019, lebenslang. Vorstände haben Zeitverträge, die erfüllt werden müssen, heißt es bei VW.

„Wenn die Konzerne nicht im Eigeninteresse oder aus gesundem Menschenverstand diese Millionensummen als Boni oder Abfindungen begrenzen, muss es der Gesetzgeber tun.“

Schulz hat mit der Gerechtigkeitsfrage die Genossen Weil, Lies und Osterloh in die Pflicht genommen. Wollen sie ihrer Partei nicht schaden, müssen sie auf eine Senkung der Vorstandsboni drängen. SPD-Generalsekretärin Katarina Barley legte in der Bild am Sonntag nach: „Wenn die Konzerne nicht im Eigeninteresse oder aus gesundem Menschenverstand diese Millionensummen als Boni oder Abfindungen begrenzen, muss es der Gesetzgeber tun.“

Als 2010 das Gehaltskonstrukt bei VW startete, war nur wenig so klar wie die Aussage des damaligen Arbeitsdirektors Horst Neumann: „Wenn wir kein Geld verdienen, können alle anderen Ergebnisse noch so gut sein - dann gibt es keinen Bonus.“

Hintergrund: Die Vorstandsgehälter bei VW

Die Gehälter der Vorstände bestehen aus vier Bausteinen:

FIXER SOCKEL 

In den Grundbetrag fließen Vergütungen für die Übernahme von weiteren Ämtern, Sachzuwendungen und Leistungen wie Dienstwagen ein. Der Sockel (30 Prozent) ist im Verhältnis zu den variablen Gehaltsbestandteilen gering und vertraglich fixiert.

LANGFRISTIGER ANREIZ 

Der Long Term Incentive (LTI) liegt meist über dem Grundgehalt und ist erfolgsabhängig. Bezogen auf die vier Vorjahre fließen die Absatz- sowie Renditeentwicklung und die Zufriedenheit von Kunden sowie Mitarbeitern in die Berechnung ein. Der Aufsichtsrat legt die Höhe des LTI-Zielbetrags jedes Jahr neu fest. Wenn die tatsächlichen Werte höher ausfallen als zuvor angenommen, können sich Nachzahlungen ergeben.

BONI 

Die zweite variable Kategorie sind die eigentlichen Bonuszahlungen. „Der Bonus honoriert eine positive Geschäftsentwicklung des Volkswagen-Konzerns“, heißt es im Geschäftsbericht. Maßgeblich dafür ist das operative Ergebnis der vorigen zwei Jahre. Boni fließen nur, wenn VW mindestens einen Betriebsgewinn von fünf Milliarden Euro verbucht.

RUHEGEHALT 

Die Altersbezüge richten sich prozentual nach der Grundvergütung und wachsen mit der Dauer der Firmenzugehörigkeit. Allen Vorständen steht im Fall einer regulären Beendigung ihrer Tätigkeit ein Ruhegehalt inklusive Hinterbliebenen-Versorgung sowie für die Dauer des Ruhegehaltes die weitere Nutzung von Dienstwagen zu. Die Leistungen werden mit der Vollendung des 63. Lebensjahres ausgezahlt beziehungsweise zur Verfügung gestellt. (dpa)

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