Die Stimmung geht weiter bergab

München - Die Eurokrise hinterläßt zunehmend ihre Spuren: Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juli erneut deutlich verschlechtert.

Die Industrie fährt die Produktion herunter und streicht Stellen. “Der Abschwung ist greifbar“, heißt es beim ifo-Institut.

Die Stimmung in den Unternehmen ist weiter auf Talfahrt, vor allem in der Industrie hat sich das Geschäftsklima stark eingetrübt. Der ifo-Index fiel im Juli von 105,2 auf 103,3 Punkte. Die Firmen sehen sowohl ihre aktuelle Lage als auch ihre Geschäftsaussichten im kommenden halben Jahr deutlich schlechter. “Die Eurokrise belastet zunehmend die Konjunktur in Deutschland“, sagte ifo-Präsident Hans-Werner Sinn am Mittwoch in München. Aufwärts geht es nur im Einzelhandel.

Euro-Schuldenkrise - Eine Chronologie

September 2004: Nach Berechnungen des europäischen Statistikamtes Eurostat hat Griechenland seine Zahlen zum Haushaltsdefizit seit 2000 frisiert. Eurostat kommt auf deutlich höhere Defizite. Damit wird klar, das EU-Land hat sich den Beitritt zur Euro-Zone 2001 mit falschen Zahlen erschlichen und immer mehr Schulden aufgehäuft. © dpa
Oktober 2009: Die oppositionellen Sozialisten gewinnen die vorgezogene Parlamentswahl. Giorgos Papandreou wird Ministerpräsident. Bei einer Staatsverschuldung von rund 260 Milliarden Euro ist jeder Grieche im Durchschnitt mit rund 25 000 Euro verschuldet. © dpa
Januar 2010: Die Regierung schickt ihren Sparplan zur Haushaltssanierung an die EU-Kommission. Sie will das Defizit von 12,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) mit harten Einsparungen und Steuererhöhungen bis 2012 auf unter die in der Euro-Zone erlaubten drei Prozent drücken. © dpa
Februar 2010: Die EU-Kommission stellt Griechenland unter Aufsicht. Athen muss laut Brüssel sein Defizit bis 2012 in den Griff bekommen. © dpa
April 2010: Die Euro-Länder einigen sich auf ein Rettungspaket. Es soll über drei Jahre laufen; der Internationale Währungsfonds (IWF) soll beteiligt werden. Im Notfall könnte Griechenland im ersten Jahr auf Hilfen von insgesamt 45 Milliarden Euro zugreifen. Große Ratingagenturen stufen die Kreditwürdigkeit des Landes weiter herab. In der Eurozone verschärft sich die Krise. © dpa
Mai 2010: Griechenland soll über drei Jahre Kredithilfen der Eurostaaten und des IWF von 110 Milliarden Euro bekommen. Athen muss das Defizit bis 2014 unter 3 (derzeit 13,6) Prozent absenken und beschließt ein striktes Sparprogramm. Im selben Monat spannen die EU-Staaten einen Rettungsschirm in Höhe von 750 Milliarden Euro auf, um klamme Euro-Länder notfalls mit Krediten zu versorgen. © dpa
Dezember 2010: Irland werden als erstem Land Hilfen aus dem Rettungsschirm EFSF bewilligt. Die EU-Finanzminister billigen das Hilfspaket von 85 Milliarden Euro. © dpa
11./12. März 2011: Bei einem Sondergipfel einigen sich die 17 Staats- und Regierungschefs der Eurozone auf weitreichende Maßnahmen zur Absicherung der 1999 eingeführten Gemeinschaftswährung. Der Rettungsfonds EFSF für klamme Mitglieder wird ausgeweitet. Künftig können chronische Schuldensünder leichter an Geld kommen. © dpa
24./25. März 2011: Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder beschließen die Aufstockung des Rettungsfonds und einigen sich auf den “Pakt für den Euro“, der eine engere Abstimmung in der Haushalts-, Steuer- und Sozialpolitik vorsieht. Die Länder verpflichten sich zum Sparen. © dpa
April 2011: Die griechische Regierung stimmt die Bevölkerung auf ein weiteres hartes Sparprogramm ein. Der Fehlbetrag im Haushalt 2010 belief sich laut Eurostat auf 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zunächst war Athen von etwa 9,5 Prozent ausgegangen. © dpa
Mai 2011: Die EU verlangt den Griechen einen noch härteren Sparkurs ab, aber Regierung und Opposition sind tief zerstritten. Griechenland hat nur noch bis Mitte Juli Geld, dann droht die Staatspleite. © dpa
Mai 2011: Die Euro-Finanzminister billigen eine Nothilfe für Portugal in Höhe von 78 Milliarden Euro. Im Gegenzug muss die Regierung in Lissabon ein striktes Sparprogramm durchziehen. © dpa
Juni/Juli 2011: Bei einem Gipfel in Brüssel beschließen die EU-Staats- und Regierungschefs ein weiteres milliardenschweres Hilfsprogramm für Athen. Das griechische Parlament stimmt dem Sparprogramm der Regierung zu. © dpa
Juni/Juli 2011: Damit ist der Weg für weitere Milliarden-Hilfen fast frei. Die Chefs der Euro-Länder einigen sich bei einem Krisentreffen darauf, dass die neuen Hilfsmaßnahmen einen Umfang von 109 Milliarden Euro haben sollen. © dpa
Oktober 2011: Nach einem EU-Doppelgipfel steht ein Paket gegen die Krise: Griechenlands private Gläubiger sollen freiwillig einem Schuldenschnitt von 50 Prozent zustimmen. © dpa
Oktober 2010: Das im Juli beschlossene 109-Milliarden-Programm wird modifiziert. Nun soll es Kredithilfen von 100 Milliarden Euro geben, plus Garantien von 30 Milliarden Euro, mit denen der Schuldenschnitt begleitet wird. © dpa
November 2011: Griechenlands Ministerpräsident Giorgos Papandreou tritt zurück. Nachfolger wird der frühere Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) Lucas Papademos (parteilos), der eine Mehrparteien-Übergangsregierung bis zu Neuwahlen führen und im Parlament die von den internationalen Geldgebern verlangten Reformen durchsetzen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Griechenland und Vertreter des Internationalen Bankenverbandes IIF arbeiten an einer Vereinbarung über einen Schuldenschnitt, der im Endeffekt rund 100 Milliarden Euro umfassen soll. © dpa
Januar/Februar 2012: Experten der sogenannten Troika aus Vertretern der EU, des IWF und der Europäischen Zentralbank prüfen zugleich die Sparbemühungen Athens und verlangen weitere durchgreifende Maßnahmen, darunter Lohnkürzungen und die beschleunigte Verschlankung des Staatsapparats, die bislang kaum vorankommt. Vom geforderten breiten Konsens in Griechenland hängt das weitere Hilfsprogramm ab. © dpa
12. Februar 2012: Das griechische Parlament billigt das Sparpaket mit der Mehrheit von Konservativen und Sozialisten. Es gibt Gegenstimmen von kommunistischen und linken Abgeordneten sowie von zahlreichen Abweichlern aus den Reihen des Regierungslagers. © dpa
In Athen kommt es zu schweren Ausschreitungen, mit Dutzenden Verletzten und zahlreichen Festnahmen. Gebäude werden angezündet und Geschäfte geplündert. © ap

Ifo-Konjunkturexperte Gernot Nerb betonte: “Eine Rezession in Deutschland sehen wir nicht - aber der Abschwung ist greifbar.“ Die Exporterwartungen hätten sich verschlechtert, und die Wirtschaft investiere weniger in neue Anlagen und Ausrüstungen. Deshalb gingen die Aufträge in der Stahl- und Chemieindustrie, im Maschinenbau wie in der übrigen Investitionsgüterindustrie seit Monaten zurück. “Wir sehen deutliche Bremsspuren“, sagte Nerb.

Jedes zehnte Unternehmen klage inzwischen über zu hohe Lagerbestände. Die Produktion werde seit Monaten zurückgefahren. Noch liege die Kapazitätsauslastung über dem langjährigen Durchschnitt, “aber die Richtung geht nach unten“. Das wirkt sich auch auf die Arbeitsplätze negativ aus: In der Industrie werden inzwischen mehr Stellen gestrichen als neue aufgebaut.

Einziger Lichtblick ist der Einzelhandel. Niedrige Arbeitslosigkeit und steigende Löhne sorgten für eine rege Nachfrage nach Unterhaltungselektronik, Möbeln und Kleidung, erklärte Nerb. Die Einzelhändler beurteilten ihre Geschäftslage wie auch die Aussichten günstiger. “Auch die Konsumgüterindustrie hält sich recht gut“, sagte der Wirtschaftsforscher.

Auf dem Bau hat sich die Lage insgesamt verschlechtert - aber das Bild ist geteilt: Im Wohnungsbau ist die Lage weiter positiv. Niedrige Zinsen und Inflationsängste beflügeln die Nachfrage weiterhin. Aber Staat und Kommunen sparen, im Straßenbau herrscht eher Flaute. Die Konjunkturprogramme sind ausgelaufen. Auch im Großhandel hat sich die Stimmung verschlechtert.

“Entscheidend ist die Großwetterlage: Dass die USA und China in Fahrt bleiben und der Euroraum allmählich Boden unter die Füße bekommt“, sagte Nerb. Italien und Spanien müssten zeigen, dass sie kein Fass ohne Boden seien. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Wirtschaft noch 9,3 Prozent ihrer Exporte in diese beiden Länder verkauft.

Die Nachfrage in den Krisenländern sei nicht ganz am Boden, “aber die Musik spielt im Geschäft außerhalb Europas“, sagte Nerb. “Wenn in China die Konjunktur wieder anzieht, wenn die USA in der Erholungsphase bleiben und Lateinamerika relativ gut läuft, dann müsste das vom Export her eine Stütze sein.“ Die deutsche Wirtschaft sei im Abschwung, aber nicht vor einem Absturz wie 2009: “Ich sehe nicht, dass wir in eine Rezession reinlaufen.“

Das ifo-Institut hatte rund 7000 Unternehmen befragt. Der Teilindex zur Bewertung der Geschäftslage fiel von 113,9 auf 111,6 Punkte, der Teilindex für die Bewertung der Erwartungen fiel von 97,2 auf 95,6 Punkte.

dpa

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